11.03. Außer Kontrolle [OFFEN]

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Polizeistation

Mik-Mik und Franco sind gegen fünfzehn Uhr zurück ins Dorf aufgebrochen und haben zuvor Geld vom ATM und einige Dinge für morgen gebracht: Ein gegrilltes Hühnchen, das wir in die Tupperdosen der Mütter getan haben. Brötchen, die nun gut verschnürt im Plastikbeutel am Bett hängen, ein paar Kekse, ein kleines Heft, in das ich von nun an die Ausgaben notieren werde und ein paar Tageszeitungen. Ich bin also gut für den morgigen Tag, der wohl ohne Besucher sein wird, gerüstet. Mik-Mik hat gut auf den Wachmann eingeredet. Fünfzig Piso und ein paar Marlboros haben es danach ermöglicht, dass ich noch bis zum Ende der Besuchszeit vor der Zelle sitzen durfte. ‚Vielleicht kann ich auch morgen vor der Zelle sitzen?‘, denke ich jetzt. Es ist schon fast acht Uhr abends. Mit dem Eintragen der bisherigen Kosten in das Heftchen war ich dann am Nachmittag so beschäftigt gewesen, dass ich vergessen habe, nach dem Telefonieren zu fragen. ‚Dann hätte ich De Baron anrufen können. Morgen werde ich das auf jeden Fall tun!‘, nehme ich mir vor. Ich grüble: ‚Kein Attorney! Weder heute noch morgen. Möglich, dass er am Freitag oder Samstag kommt.‘ Es nagt an meinen Nerven und ärgert mich maßlos. „Hätte De Baron nicht diese Schulung absagen können, um Prioritäten zu setzen? Mich zur ersten Priorität machen?“, flüstere ich und seufze in die Nacht. Es ist jetzt bereits nach zwanzig Uhr und sehr ruhig, bis auf die zirpenden Grillen, den gedämpften Lärm der Straße und das entfernte Bellen der Hunde. Es werden mir die Augenlider schwer. Die Spirale des Lion Tigers glimmt und duftet nach Räucherstäbchen. ‚Ob das wirklich gegen die Mücken hilft?‘ Fast unbeweglich steht die Flamme der Kerze in der Nacht. ‚Schlafen, einfach nur schlafen‘, denke ich und wenige Sekunden später schlafe ich dann auch.

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Dorf
Während sie im Bus zurück ins Dorf gesessen haben, hat Mik-Mik Franco über das geplante Meeting morgen früh im BSWD Sendong City informiert. Franco hat es gut gefunden, dass Mik-Mik erst einmal Tommy nichts über die Einladung des BSWDs an die Eltern berichtet hat. Dann haben sie beschlossen, noch heute mit den Eltern über die Geschichte zu diskutieren. Ihre SMS hat sich schnell im Dorf verbreitet und alle wissen über das geplante Treffen Bescheid. Deshalb ist es im Dorf nun laut und hektisch.

Ernestos Hütte ist der Treffpunkt der Eltern, deren Kinder nun im Heim des BSWDs in Tugalm City unter Obhut stehen. Sogar Romolos Ex-Frau Inday ist anwesend. Der Dorfvorsteher Kagawad Jacub Castro kommt gerade, auch Mik-Mik und Franco treffen soeben ein. Sie tragen schwer an Tüten mit Softdrinks, zwei Flaschen Tanduay Rum, mit gegrilltem Hühnchen und Schweinefleisch. Die Schaulustigen, Kinder, Teenager und Unbeteiligte vor Ernestos Hütte bekommen beim Anblick der Tüten große Augen.

Rica, die Hausherrin, bereitet gemeinsam mit Lang die Speisen auf Tellern an und stellen sie dann mit Reis und dem Geschirr auf den runden Tisch, an dem fast alle Platz genommen haben.

Matthew, Romolo, Mik-Mik und Ernestos Sohn Alvin können es kaum erwarten und öffnen schnell die erste Flasche Tanduay Rum. Ernesto trinkt lieber Bier und die Frauen bevorzugen Softdrinks. Das Essen ist reichhaltig und lecker, die Stimmung hingegen gedrückt. Keiner scheint sich so recht an das eigentliche Thema, warum man sich hier und heute versammelt hat, heranzutrauen.

Franco kommt soeben vom Händewaschen aus der Küchennische zurück und es platzt aus ihm heraus: „Der Tommy ist unschuldig, das ist doch klar!“

Alle Anwesende schauen betreten beiseite, so, als sei wirklich niemand an diesem Thema interessiert.

Kagawad Jacub Castro ergreift das Wort: „Ja, natürlich glauben wir an Tommys Unschuld, Franco.“ Er schaut sich um, aber nur Vicente und ihre Mutter, Romolo, Marielou, Jonathan und die anderen Teenager, Mik-Mik und natürlich Franco erwidern seinen Blick.

Ernesto antwortet trotzig: „Aber das BSWD glaubt an was ganz anderes, Kagawad!“

Rica, Lang und Romolos Ex-Frau nicken leicht. Matthew lässt das Eis im Glas mit Rum klirren und konzentriert sich darauf.

„Was glaubt Ihr denn?“, fragt der Kagawad in provozierendem Ton.

„Wichtig ist doch, dass die Jungs so schnell wie möglich zu uns zurückkommen“, weicht Rica der Frage aus und beginnt den Tisch abzuräumen. Lang schaut betreten und hilft Rica dabei.

„Und dass Tommy endlich freikommt!“, ruft Vicente. Ihre Mutter Marie-Ann ergänzt: „Amen!“ Auch Romolo und Franco bekreuzigen sich.

Marie-Ann fragt Mik-Mik: „Wie geht es Tommy, weiß seine Familie in Deutschland Bescheid und hat er einen Attorney?“

Mik-Mik, überrascht angesprochen zu werden, stottert: „Ja, ja, Tommys Familie weiß Bescheid, die ist total nett, wir haben mit dem Computer telefoniert. Mit Kamerabild! Auch einen Attorney hat er schon und Tommy ist okay.“

„Einen sehr guten Attorney!“, ruft Franco schnell dazwischen.

Marielou rutscht schon die ganze Zeit nervös auf dem Kunststoffstuhl herum, ihre Stimme überschlägt sich, während sie atemlos fragt: „Mik-Mik, Franco, wann kann Tommy raus? Wann kann er zurück nach Deutschland? Was sagt die Polizei?“

Mik-Mik und Franco schauen sich mit unwissenden Gesichtern an und schweigen.

„Aber hat die Polizei denn nichts gesagt?“, bohrt Marielou nach.

Mik-Mik fällt die Skype-Situation und Officer Sarang ein: „Vierzehn Tage, hat ein Officer gesagt, könne die Polizei Tommy festhalten.“

„Das wäre doch kommender Samstag!“, überlegt Marielou laut. Die Leute im Raum nicken.

„Samstag will auch der Attorney bei Tommy vorbeischauen“, berichtet Franco.

„Was, erst am Samstag?“, wundert sich Ernesto. „Genau jetzt muss der Attorney doch für Tommy und unsere Jungs arbeiten. Es ist doch der De Baron oder Franco?“

Franco stammelt: „Ja, ja, der De Baron.“

„Oh, Gott!“, stöhnt Ernesto. „Na dann, gute Nacht!“ und nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche.

„Wie ist Tommy denn an den Rechtsverdreher gekommen?“, fragt Matthew mit verkniffenem Gesichtsausdruck, trinkt das halbe Glas Rum in einem Zug aus und rülpst laut.

„Ist doch jetzt total egal!“, verteidigt sich Franco.

Ernesto springt auf, verkündet viel zu laut und wild mit der rechten Hand gestikulierend: „Aber Attorney Padernesto hätte gerne Tommy verteidigt. Ich bin extra dort gewesen und habe dem alles lang und breit erklärt!“ Dann setzt er sich wieder und nimmt, mit zitternder Hand erneut einen tiefen Schluck aus der Bierflasche. Viele im Raum nicken Ernesto zu.

Marielou blickt zu Jonathan und sagt ernst in die gespannte Stille: „Jonathan und ich wären auf dem Weg zu Attorney Padernesto fast gestorben!“

Jonathan schaut ebenfalls ernst und muss dennoch grinsen: „Der Frank ist verrückt!“

Alvin, Ernestos Ältester, lacht laut auf: „Ihr seid ja auch verrückt! Steigt freiwillig auf Franks altes Motorrad auf. Jeder kennt Franks lebensgefährlichen Fahrstil!“ Einige Teenager lachen laut mit.

Marielou verzieht das Gesicht: „Ha ha, Alvin!“ Sie schaut sich verwundert um: „Ist Frank nicht gekommen oder weiß der nicht, dass wir heute über Tommy reden?“

Die Teenager Silas und Mikel-Loy werden unruhig. Silas, Romolos Sohn, erklärt: „Frank hat am Sari-Sari-Store Zigaretten gekauft. Er hat gesagt, er müsse in die Berge, sein Lastauto sei kaputt.“

„Als wenn das nicht bis morgen Zeit hätte“, zischt Marielou. Alle sehen ihr an: Sie ist stinksauer.

Ernesto kommt auf seinen Attorney zurück: „In Fällen von Missbrauch oder in anderen Fällen, wo das BSWD involviert ist, ist Attorney Padernesto einfach der Beste! Er und der Senior Head-Off vom BSWD hier in Sendong City waren Klassenkameraden. Padernesto hat alle Möglichkeiten, da was zu drehen. Mit Geld, Ihr versteht, was ich meine.“

„Es ist zu spät, Ernesto. Tommy hat schon die Acceptance Fee an De Baron bezahlt“, entgegnet Franco ungerührt und ergänzt: „De Baron kennt sie auch alle.“

Mik-Miks Gesicht hellt sich auf: „Aber der Staatsanwalt hat gesagt, es läge noch gar keine Anzeige gegen Tommy vor.“

Franco triumphiert: „Seht Ihr, das ist doch toll!“

Matthew kontert emotionslos: „Und was hat das bitte mit den Attorneys zu tun, Franco?“

Franco bleibt still. Er ärgert sich.

Vicentes Mutter ist plötzlich nervös: „Was wollt Ihr denn dem BSWD morgen erzählen?“ Sie fleht: „Ihr müsst Tommy helfen und lasst Euch nicht vom BSWD Honig um den Bart schmieren. Was die versprechen, halten die eh nicht.“

Lang hat unruhig zugehört und erst von Mik-Mik und dann vom Kagawad eine Zigarette geraucht. Sie sagt ehrlich: „Wir haben Angst vorm BSWD.“

Rica ergänzt schnell: „Mit denen legt man sich nicht an!“

Ernesto haut die Bierflasche auf den Tisch und brüllt: „Genau!“

Romolo hat bisher geschwiegen, er nimmt einen großen Schluck Rum, reicht das Glas weiter, dann schüttelt und räuspert er sich umständlich: „Noch lange keinen Grund nun Tommy über die Klinge springen zu lassen, Ernesto!“

Ernesto, Rica, Lang und Matthew sind vor dem Gespräch übereingekommen, die indirekten Drohungen des BSWDs ihnen gegenüber, hier und heute nicht zur Tagesordnung zu machen. Auf Romolos Einwand schauen sie sich nur verstohlen an und schweigen.

Nun hat das Glas für den Rum den Kagawad erreicht (das Glas geht reihum). Er nimmt das ganze Glas mit einem Schluck, rülpst laut, knallt das Glas auf den Holztisch und springt auf: „Verdammt noch mal, der Tommy ist unschuldig. Eure fünf Söhne haben doch auch absolut nichts gegen Tommy ausgesagt! Oder ist noch etwas Neues rausgekommen?“

Mik-Mik und Franco schütteln wild die Köpfe.

Kagawad scheint schon angetrunken zu sein, er wankt ein wenig und lässt sich wie ein nasser Sack auf den Stuhl zurückfallen: „Na, seht Ihr?“, lallt er und zündet sich umständlich eine Marlboro an.

Auch bei Ernesto zeigt der Alkohol erste Wirkungen: „Aber wir müssen aber auch darauf hören, was uns das BSWD sagt.“ Er wirbelt mit dem rechten Zeigefinger in der Luft herum und stöhnt: „Das BSWD ist nämlich sehr, sehr, sehr mächtig.“ Er steht mühselig auf, setzt sich aber sofort wieder: „Das wisst Ihr alle!“, dann brüllt er: „Alle!“

Seine Frau Rica und sein Sohn Alvin springen herbei. Rica stöhnt: „Zeit für Dich, Ernesto, schlafen zu gehen. Denk an Deinen Blutdruck! Hast Du Deine Tabletten genommen? Ernesto wehrt Rica barsch mit dem Arm ab: „Ach, lass mich!“

Auch dem stets schweigsamen Matthew merkt man den Alkohol bereits an: „Da gebe ich dem Ern vollkommen recht!“ Er schaut sich verschwörerisch um und tut geheimnisvoll: „Denn es steht viel auf dem Spiel!“

„So, was denn Onkelchen?“, fragt Marielou ein wenig zu frech.

Matthew bekommt die Feinheiten schon gar nicht mehr mit: „Viel, Mädchen, viel, sehr viel!“ An seine Frau Lang gewandt fragt er: „Ist noch Bier da? Ich will jetzt viel lieber Bier trinken.“

Lang schaut Franco an, der kramt 500 Piso aus der Hosentasche und schickt zwei Teenager mit den Worten „Drei Flaschen Bier und das Wechselgeld zurück zu mir!“ die Getränke besorgen.

Auch Romolo lallt schon ein wenig. Der Alkohol vertreibt die Schmerzen im arthritischen Knie. Er wird übermütig. Mit der Faust schlägt er auf den Tisch, sodass alle erschrecken und einige, die schon am Dösen gewesen sind, aufwachen und hochfahren. Er brüllt: „Scheiß BSWD!“ und bedenkt seine Ex-Frau mit einem scharfen Blick. Die schüttelt als Reaktion nur den Kopf und fragt Rica: „Hast Du mal ein Glas?“ Silas holt es von Rica, gießt den Tanduay Rum bis zum Rand des Glases ein, nimmt einen großen Schluck und reicht das halbe Glas seiner Mutter weiter. Die empört sich künstlich: „Also, sage mal? Genau wie Dein Vater!“ und schüttet den Rum in einem Zug runter. Mit den Worten „Hier Lang, Du siehst aus, als könntest Du auch was gebrauchen!“ reicht sie das Glas an Lang. Die überlegt nicht lange und lässt sich das Glas von Silas halbvoll machen. Mikel-Loy und Jonathan schauen gierig. Marielou, Vicente und Marie-Ann verziehen die Gesichter.

Mik-Mik hält sich zurück, da seine Frau Vicente und die Schwiegermutter Marie-Ann jedes Mal, wenn er einen kleinen Schluck nimmt, kritisch schauen. Mit seinem rechten Fuß schiebt er die Tüte mit der zweiten Flasche Tanduay Rum vorsichtig unter seinen Stuhl. ‚Für später‘, lächelt er in sich hinein.

Franco ist die Situation schon lange zuwider. Weder raucht noch trinkt er. Nein, er macht sich ehrliche Sorgen um Tommy. Er ist genervt und frustriert und hat das Gefühl, gar nichts heute Abend erreicht zu haben. Er kommt gedanklich zum Schluss, mit den Eltern nicht über eine finanzielle Lösung zu diskutieren. Das würde eh zu nichts führen. Bei dem Gespräch mit dem BSWD morgen sind nur die Eltern erlaubt. Seine Sorgen teilt er wohl mit Marielou und Jonathan. Jedenfalls glaubt er das, in den Gesichtern der Zwei lesen zu können.

Kagawad schaut auf die Uhr und lallt: „Mein Gott, schon so spät! Ich muss jetzt aber los.“

Ernesto scheint schon auf seinem Stuhl in der Ecke dem Delirium nahe. Dennoch schlägt er kurz die Augen auf und stammelt: „Kagawad, bleib noch. Du musst doch nur fünf Schritte laufen und schon bist Du in Deinem Zuhause.“

„Lass gut sein, Ern.“

Auch Vicente drängelt. Wenn schon die Frauen Lang und Inday anfangen zu trinken – das weiß sie aus Erfahrung – dann endet das meistens in Problemen, Streitigkeiten in der Nachbarschaft und in Zickenterror.

Bis auf Jonathan, Alvin, Romolos Ex-Frau Inday, Lang und ihren Ehemann Matthew verlassen nun alle Besucher Ernestos geräumige Hütte.

Keiner bekommt mit, dass Mik-Mik sich eine Tüte unter den Arm geklemmt hat. Franco und Marielou sind frustriert schnell in die Nacht verschwunden. Sie haben beide den gleichen kurzen Weg zum Strand, dort wo die Hütten der Fischer stehen.

Mik-Mik stößt Romolo an und zeigt auf die Tüte. Vicente und die anderen bemerken das nicht.

„Vicente, Romo und ich, wir besuchen noch meinen Bruder. Ich komme später zu Dir, aber warte, ich gebe Dir die 2.000 Piso von Tommy.“

Vicente freut sich über das Geld, das sie gut gebrauchen kann. Allerdings ahnt sie noch nicht, wie viel später ihr Ehegatte Mik-Mik heimkommen wird.

[Ende 11. Kapitel und zehnter Tag – Dienstag]

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