10.05. Krankenhaus [OFFEN]

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Der schwere Polizei-Pick-up schaukelt durch den Verkehr. Wir befinden uns im Fond der Fahrerkabine. Franco und der Officer sitzen auf den beiden Bänken der Pritsche hinter uns. Ma’am Papillio sitzt links neben mir und rechts von mir schaut Ma’am Tolisan aus dem Fenster. Eine der beiden Damen hat ein sportlich-erfrischendes Parfüm aufgelegt.

„Während Sie vorhin so angeregt mit Ihrem Attorney beschäftigt waren, habe ich für Sie einen Termin im Krankenhaus organisiert. Ich kenne den Oberarzt persönlich. Ein sehr fähiger Mann!“

„Danke, Ma’am Papillio. Das wird nun langsam auch nötig. Die Schmerzen werden stärker und es hat sich entzündet.“

„Der Arzt wird schon wissen, was zu tun ist“, antwortet Ma’am kurz und fährt fort: „Warum reisen Sie wirklich auf die Philippinen?“

„Wieso wirklich, Ma’am?“

„Mister Heger, was Sie dem Staatsanwalt erzählt haben – wie soll ich es sagen – klingt nicht sehr überzeugend.“

„Nicht?“, antworte ich überrascht.

„Na ja, Mr. Heger. Hotspots? Wenn Sie nur Hotspots besuchen wollen, können Sie doch auch in jedes andere asiatische Land reisen.“

„Ihr Land ist schön! Sie haben immer warmes Klima, das mir gut bekommt. Es ist fast immer blauer Himmel und die Sonne scheint, super Strände, Wasserfälle und oft unberührte Natur. Die Filipinos sind sehr nette, ruhige Menschen, die zwar sehr arm, aber nicht aggressiv sind. Dann sind die Philippinen ein christliches Land und viele sprechen recht gutes Englisch und die Schrift ist, anders als in China, Indien oder Thailand, lesbar. Ich liebe Ihr Land, Ma’am!“

„Und die kleinen süßen Filipinos!“, flüstert Ma’am Papillio. Ma’am Tolisan blickt kurz nach vorn, nickt und schweigt.

Ich weiß – verdammt noch mal – wieder nichts dem entgegenzusetzen. ‚Vielleicht kommt meine fehlende Schlagfertigkeit vom nervenaufreibenden Gespräch mit dem Staatsanwalt, von der entwürdigenden Zelle oder es liegt an der gesamten prekären Situation. Ich bin schon wieder am ergebnislosen Analysieren‘, denke ich. Es schaudert mir und ich entgegne gepresst: „Das sind die Kinder meiner Freunde, Ma’am und sonst nichts!“

„Wir sind gleich im Krankenhaus. Haben Sie Bargeld für die Rechnung dabei? Da fällt bestimmt einiges an.“

„Hab ich, Ma’am.“

„Gut, dann können Sie die Rechnung des Krankenhauses sofort begleichen. Schön, dass der gutaussehende junge Mann mitgekommen ist. Der kann die Medikamente für Sie besorgen. Ich denke, Sie bekommen mindestens ein Antibiotikum.“

„Gutaussehender junger Mann?“, wiederhole ich ärgerlich. „Ohne mich, Ma’am, würde Franco nicht da hinten sitzen! Dem habe ich vor ein paar Jahren das Leben gerettet. Er hatte zum zweiten Mal Dengue Fieber. Nun fühlt er sich mir verbunden! Das ist alles!“

„Sie brauchen sich hier nicht zu verteidigen, Mr. Heger, ich verstehe Sie. Aber gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie sind Sie denn an De Baron gekommen?“

„Der wurde mir empfohlen, Ma’am.“

Ma’am Tolisan mischt sich in das Gespräch: „Haben Sie nicht mit Attorney Pizarro gesprochen?“

„Doch, ja, Ma’am. Aber was spricht denn gegen De Baron?“

Ma’am Papillio antwortet: „Erst einmal nichts, Mr. Heger. De Baron gewinnt auch den einen oder anderen Fall.“

Ma’am Tolisan ergänzt: „Aber für die großen Fälle ist der nicht bekannt.“

Wegen des Ärgers fällt es mir schwer, meine Stimme im Zaum zu halten: „Großer Fall? Warum denn großer Fall? Verdammt, ich habe doch niemanden umgebracht, vergewaltigt, geschlagen, gefoltert oder entführt. Ich habe nichts getan! Herrgott, warum sprechen alle vom großen Fall?“

„Es sind fünf kleine philippinische Kinder involviert“, entgegnet Ma’am Papillio trocken.

„Na, so klein sind die nun auch wieder nicht!“ Der Fahrer räuspert sich, ich bin wohl zu laut.

„Und dann noch Sie, ein Ausländer als mutmaßlicher Täter!“ Ma’am Tolisans Stimme hat einen vorwurfsvollen Ton. Sie putzt ihr Cellphone mit einem Taschentuch: „Um noch einmal auf Attorney Pizarro zurückzukommen. Der hat es tatsächlich geschafft, diesen Amerikaner, der mit dem minderjährigen Mädchen im Hotel aufgegriffen worden ist, als unschuldig nach Hause ziehen zu lassen.“

„Ja, das war eine Meisterleistung. Damit hatte niemand gerechnet“, kommentiert Ma’am Papillio vollkommen emotionslos die Rede ihrer Untergebenen.

Weil meine Hände gefesselt sind, kann ich mir nur mit beiden durch das Haar fahren. Ich werde immer wirrer im Kopf und mir ist, trotz der auf höchster Stufe arbeitenden Autoklimaanlage, heiß. ‚Vielleicht bekomme ich Fieber‘, denke ich und will gerade fragen „Wie hat der das geschafft?“, doch da stoppt der Wagen abrupt.

„Oh, wir sind schon da“, bemerkt Ma’am Papillio.

Franco und der Officer springen ab und sofort wird die Tür auf Ma’am Papillios Seite geöffnet.

„Wir stehen am Polizeifahrzeug und warten, bis Ma’am Tolisan um den Wagen kommt, da sie an der anderen Seite ausgestiegen ist.

„Ma’am Papillio, wie hat der das geschafft?“

Sie schaut mich mit einem unergründlichen Lächeln an: „Fragen Sie Ihren Attorney und nun lassen Sie uns Ihre Hand verarzten.“

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Im Krankenhaus starrt mich niemand so schamlos wie im Gerichtsgebäude an, denn hier herrschen Chaos und Ausnahmezustand. Die Flure sind übervoll mit Menschen. Es ist laut und turbulent. Dort gibt es zwar einen halbmondförmigen Empfangstresen, an dem schreiten wir aber schnellen Schrittes vorüber, während Ma’am Papillio der Empfangsdame zunickt. Die gibt uns Zeichen, geradeaus zu gehen. Wir kommen in einen Raum, in dem Patienten zur Aufnahme oder zur Erstversorgung warten. Es gibt so gut wie keine medizinischen Apparate oder Monitore. An der Wand stehen nebeneinander unzählige Behandlungstische, die durch schmuddelige hellblaue Gardinen voneinander abgetrennt werden können. Dem gegenüber befindet sich der Wartebereich, der mit Menschen jeglichen Alters, Kranken, Verletzten, Gebrechlichen und deren Angehörigen, aber auch einigen Polizisten gut gefüllt ist. Ich werde gebeten Platz zu nehmen. Am ersten Behandlungstisch liegt ein regungsloser Opa, daneben steht ein etwa 11-jähriger Junge, der geduldig den Beatmungsbeutel der Maske bedient, den sein Großvater auf Mund und Nase hat. Ob der alte Mann überhaupt noch lebt, kann ich nicht beurteilen. Der Junge erledigt seine Arbeit pflichtbewusst, ruhig und gleichmäßig. Seine Augen hellen sich auf, als er mich erblickt. Ein paar andere Kinder stehen um das Bett und blicken fasziniert oder ungläubig drein. Auch sie lächeln mir, der Langnase, freundlich zu. Weinen tut keines der Kinder. Dafür brüllt das Baby auf dem Nachbartisch umso lauter. Seine auf dem Behandlungstisch sitzende Mutter, versucht verzweifelt es zu beruhigen. Hinter vorgezogenen Gardinen geht es hektisch zu. Scheinbar bindet der Fall derzeit alle Kräfte der Station. Der Officer, der die sichtgeschützte Szene bewacht, unterhält sich bereits angeregt mit dem Officer, der uns begleitet. Die Polizistinnen spielen mit ihren Cellphones.

Dass hier die Ärmsten der Armen sitzen, ist mir sofort klar geworden. Aber auch hier in diesem Raum glotzt mich niemand so schamlos mit tötenden Blicken wie im Gerichtsgebäude an oder zeigt gar mit den Fingern auf mich. Nein, hier an diesem Ort ist das Gegenteil der Fall. Ich werde ausnahmslos von jedem nett gegrüßt und ich spüre die Solidarität untereinander. ‚Vielleicht, weil es uns hier allen gleich schlecht geht? Vielleicht, weil der eine oder andere schon einmal in der gleichen Situation wie ich gewesen ist, in Begleitung gleich dreier Officers und in Handschellen?“

Franco reißt mich aus meiner Gedankenwelt. „Tommy, was sagte die Polizistin da vorhin zu Dir am Polizeiwagen?“

„Wir haben über Attorneys gesprochen. Wusstest Du, dass der Attorney Pizarro, mit dem hatte ich als erstem geredet, einen Amerikaner gerettet hat? Der ist mit einem minderjährigen Mädchen im Hotel aufgegriffen worden.“

Franco antwortet nur mit einem „Aha?“

„Du, ich muss Attorney De Baron noch einmal überdenken.“

Franco reagiert heftig: „Nein, Tommy, tue das bloß nicht. Schau doch mal, wie schnell De Baron reagiert hat, wie schnell unsere Zeugenaussagen fertig gewesen sind!“

„Lass uns später darüber reden“, wehre ich die aufkommende Diskussion ab. Dazu habe ich gerade gar keine Lust und glücklicherweise steht plötzlich eine junge Schwester vor mir, mustert mich kurz, hält ihren Handrücken gegen meine Stirn, bemerkt „keine erhöhte Temperatur“, legt mir ungefragt die Manschette des steinalten Blutdruckmessgerätes um den Oberarm und beginnt zu pumpen.

„Kein Fieber, Blutdruck normal“, fasst sie zusammen, notiert sich das auf dem Patientenbogen, bittet mich zu einem freigewordenen Behandlungstisch, erledigt die Anamnese, säubert und verbindet gekonnt die Wunde und verschwindet in eines der Büros. Der kleine Junge drückt stoisch den Balg des Beatmungsgerätes, seine Geschwister lächeln mir zu und der Brustkorb des Opas hebt und senkt sich im Takt des Kindes. Ich frage mich, wo die Eltern der Kinder sind. Einige Minuten später erklärt die junge Schwester mir, wo sich die Kasse zur Begleichung der Rechnung befindet, drückt mir diese und ein Rezept in die gesunde Hand und gibt Ma’am Papillio Zeichen, dass die Behandlung abgeschlossen ist.

Den Chefarzt habe ich nicht gesehen. ‚Kein Wunder, bei dem Chaos‘, denke ich beim Verlassen des städtischen Krankenhauses.

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Auf der kurzen Fahrt vom Krankenhaus in die Polizeistation versuche ich nochmals Informationen zum Amerikaner von den Polizistinnen zu erhalten. Ma’am Papillio erzählt leise, dass es in ihrem Land Wege gäbe, die sie nicht näher ausführen möchte, um Probleme zu lösen. Da wäre mein Attorney der richtige Ansprechpartner. Ma’am Tolisan bemerkt seufzend, dass es sich beim Amerikanern nur um eine einheimische minderjährige Person gehandelt habe und bei mir um gleich fünf, was die Sache doch erheblich erschwere.

Dann erreichen wir auch schon die Polizeistation und die Polizistinnen geben mich beim Officer Sarang ab, da heute kein Besuchstag ist und ich deshalb nicht vor den Zellen sein kann.

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