1.02. Spießrutenlauf

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Mit diesem unangenehmen Typ ist nicht gut Kirschen essen. Das ist nun mehr als klar. Aber wenn du glaubst, dass der schnaufende schwitzende Bulle in seinen schäbigen Zivilklamotten mit dir fertig wäre, dann hast du dich gewaltig geschnitten. Aber gewaltig! Und auch die Medienleute haben noch lange nicht genug. Nein, der Spaß – die wahre Action – soll erst noch folgen.

Du bestätigst, dass der Inhalt des blauen Adidas Rucksackes dein Eigentum ist. Auch wirst du und dein Portemonnaie nochmals gefilzt. Das Portemonnaie steckt man dir zurück in die rechte vordere Hosentasche.

Verzweifelt versuchst du noch einmal die Situation zu klären.
Es sprudelt aus dir heraus: „Die Eltern der Kinder sind beste Freunde aus dem Dorf. Die Hauptgründe eine Nacht im Hotel zu schlafen sind die vielen Baustellen und die damit verbundene längere Reisezeit. Mitten in der Nacht in eure Stadt zurück zu kehren, das ist doch viel zu gefährlich. Keine Motorela vom Bus Terminal ins abgelegene Dorf. Auch oft Stromausfall in der gesamten Stadt. Dann die Betrunkenen und die Drogengeschichten (von denen viel geredet wird) am Bus Terminal.“
Du ratterst atemlos und hastig deine Argumente herunter und denkst gleichzeitig: ‚Du redest dich um Kopf und Kragen.‘
Aber du kannst nicht anders. Das muss gesagt werden. Und das ist noch nicht alles. Es gäbe noch viele weitere Argumente, die das Schlafen im Hotel begründen.

Dein viel zu schnell gesprochenes Englisch mit deutschem Akzent ist für die Philippinos wohl schwer verständlich. So wie du auch das Genuschel vom dicken Bullen mit der glänzenden Pistole ebenso kaum verstanden hast.

Während deines Wortschwalls blicken dich einige fragend, andere grinsend und weitere mit erstauntem Gesichtsausdruck an. Das Grinsen verunsichert dich zutiefst und lässt dich wütend werden: ‚Meine Lage ist ernst. Ich habe Handschellen an. Was – verdammt nochmal – gibt es da zu grinsen? Was, bitteschön? Was?‘
Der Zorn bricht nicht aus dir heraus. Du bleibst still. In dieser stressigen Ausnahmesituation kommt dir auch nicht der Gedanke, dass Asiaten ihre wahre Emotionen gerne hinter einem Lächeln verbergen oder einfach ein stehendes Lächeln im Gesicht tragen.

Die hübsche Polizistin gibt dir mit abwehrender Hand ein Zeichen still zu sein. Nachdem du das Zeichen ignorierst, unterbricht sie deine Rede: „Please Sir, be quiet!“ Auf ihrer Stirn stehen Sorgenfalten. Ihre Stimme ist bestimmend.

„Okay okay!“, ist deine hastige Antwort. Es klingt zu entschuldigend und zu unterwürfig.

Der Trubel und das Chaos im Raum gehen ununterbrochen weiter. Aber niemand denkt auch nur daran die Kinder zu wecken.
Dem Waffenträger wird es jetzt zu turbulent. Ein kurzer Blickkontakt mit der hübschen Polizistin (ihr schwarzes Namensschild verrät, sie heißt ‚Papillio‘) und der Abtransport beginnt.

Unvermittelt greift der Dicke deine mit Handschellen auf dem Rücken gefesselten Hände. Er schiebt dich vor sich her, aus dem Raum. Ein Teil der Leute folgen und natürlich die sensationsgeile Kamera.

Die Frontfrau atmet nun bedeutend ruhiger. Sie bleibt mit einigen Anderen im Raum. Du blickst kurz in ihr Gesicht. Sie grinst zufrieden und fixiert unentwegt die Kinder. Ab und an macht sie mit dem Handy Fotos. Dein Blick streift die drei nebeneinander stehenden Betten mit den immer noch tief und fest schlafenden Kinder.

‚Auf Wiedersehen Kinder. Was wird nun werden?‘, fragst du dich traurig ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Der Bulle schiebt und drängt. Die Kamera hält brutal und gierig drauf, kann nicht genug kriegen. Der Dicke schnauft und schwitzt gestresst und drückt plötzlich deine Arme nach oben, bis es in den Schultergelenken knackt und schmerzt. Du stöhnst und verziehst schmerzerfüllt das Gesicht. Dann klatscht er die für seine Körpergröße riesige schweißnasse linke Pranke in deinen Nacken und drückt deinen Kopf nach unten. Das Nackenklatschen ist eigentlich nicht nötig. Schon durch das Hochziehen der Arme und dem stechenden Schmerz in den Schultern, krümmst du dich automatisch nach vorne.
Da du noch niemals zuvor in deinem Leben verhaftet worden bist und auch noch niemals den Genuss erleben durftest Handschellen tragen zu dürfen, bist du dir nicht sicher ob dies der spezielle philippinische Polizeigriff ist? Auf jeden Fall seid ihr – der kleine dicke stolze Polizist und der gebeugte deutsche Hühne – absolut medientauglich.

Und schon beginnt in dieser Pose der Spießrutenlauf. Der Bulle befindet sich hinter dir, leicht nach rechts versetzt und wird immer schneller. Schnellen Laufes geht es nun an Cottages, an schockierten Hotelgästen (Ausländer mit ihren sehr jungen Philippinas aber auch ungläubig glotzende Familien mit Kindern) vorbei. Die Polizeiaktion scheint die komplette Hotelanlage geweckt zu haben. Ausgenommen davon nur deine fünf Jungen. Die werden jetzt wohl gerade recht unsanft geweckt. Vorbei geht es an der schönen Poollandschaft mit Minirutsche und künstlichem Wasserfall. Vorbei an Gäste, die an der Bar Cocktails schlürfen und neugierig die Hälse recken. Ihr passiert die Lobby. Rechts der Empfangstresen. Dahinter die nette, sehr repräsentativ und gutaussehende junge Empfangsdame. Ihr Gesicht ist blassweiß gepudert. Sie trägt einen sehr modischen, dunkelblauen, japanischen Kimolo. Beschämt schaut sie zu Boden, dann auf. Du erkennst ein Hauch Traurigkeit in ihrem Blick, während sich für Sekundenbruchteile eure Blicke treffen.

AlIes fliegt an dir vorbei. Surreale asiatische Tropennacht.

Während des erniedrigenden Laufes immer parallel zu euch die (im wahrsten Sinne des Wortes) mitlaufende Kamera.

Der Typ drückt dich gekonnt in den kleinbusgrossen Toyota Pick-up. Vorne Fahrer und Beifahrer, Polizisten in Uniform. Die drehen sich nicht um. Alles schweigt. Der Fahrer schnippt desinteressiert seine Kippe aus dem halb offenen Seitenfenster. Er liegt fast über dem Lenkrad. Du sitzt nun mittig auf der Rückbank. Der Dicke – er hat sich bisher nicht mit Namen vorgestellt – setzt sich zeitgleich rechts neben dich. Das geht auch nicht anders, da er nicht die geringsten Anstalten macht seine ekelhafte Pranke aus deinem Nacken zu nehmen und deinen Kopf ohne Unterbrechung nach unten drückt. Medientauglich nach unten drückt.

Die Kamera hält weiter drauf. Zuerst durch die linke Seitenscheibe des Rücksitzfensters. Der Platz links wird nun von der netten Polizistin – sie hat etwas japanisches im Aussehen – eingenommen, so dass dort jetzt die Sicht versperrt ist. Nun filmen die Typen in der Hocke durch das Fenster des Fahrers. Der lässt dies amüsiert geschehen und zündet sich lässig eine weitere Zigarette an und setzt sich, obschon es finstere Nacht ist die dunkle ‚Ray Ban‘ auf.
Der Adrenalin gesteuerte Idiot neben dir lässt nicht locker. Die Pranke wie eine Schraubzwinge im Nacken. Er grinst äußerst zufrieden und kaut dabei nervös auf einem imaginären Kaugummi herum. Der schwitzende Bulle, sitzt nun mediengerecht in Siegerpose, um die Kamera zu beeindrucken und die wenigen Minuten im Rampenlicht zu genießen.

Für diese Minute der Bestätigung arbeitet er. Arbeitet er viel zu hart, wie er selber findet. Seht her (bedeutet diese für dich äußerst erniedrigende Situation), seht alle her! So sieht Erfolg aus! Wieder einen im Griff! Im Polizeigriff! Wieder einen Gangster unschädlich gemacht!

Du hingegen versuchst verzweifelt zu verstehen, was hier gerade abgeht. ‚Verdammt nochmal, wo ist das Verbrechen? Wer gibt diesen Typen das Recht, dich hier bis auf das Blut zu erniedrigen? Verbrechen hin oder her. Was soll das mit der Kamera?‘, protestiert es laut in dir! Wieder nur ein stiller Protest.

‚Wäre es nicht möglich, in einem vernünftigen Gespräch das Problem zu klären? So wie du das aus deinem Kulturkreis gewohnt bist? Gut, okay‘, zermarterst du dein Gehirn, ‚das Polizeiauto sowie der Hotelraum, sind sicherlich nicht Orte einer Beschwerde oder einer Diskussion. Mein Gott, was hast du nur für bescheuerte Gedanken?‘ Und du schließt kurz die Augen und stellst verbittert fest: ‚Es ist bereits geschehen und es geschieht gerade jetzt. Hier ticken die Uhren eben anders. Hier wird zuerst erschossen, zugeschlagen, an den Pranger gestellt, erniedrigt, vorverurteilt, verurteilt, und dann eventuell – also vielleicht – nachgefragt. Nachgefragt, ob du Täter bist?‘

Und jetzt sind dir, erinnerst du dich der Lage (im wahrsten Sinne des Wortes) die Hände gebunden! Und die Hände sind verdammt schmerzhaft gebunden, da die Handschellen zwischen der Rücksitzlehne und deinem Rücken die Handrücken einritzen. Und das dein Wort kein Gewicht mehr hat, das ist selbstredend.

Du bist und bleibst still und nach außen ruhig. In dir brodelt es. Es bemerkt keiner deine Verzweiflung, den Ärger, den Frust und die Wut. Es brodelt in dir und du kannst nichts machen. Du bist machtlos.

Von einer auf die andere Sekunde machtlos!

Eine kleine kaum wahrnehmbare Geste der hübschen Polizistin und der erfolgreiche stolze Polizist rechts neben dir entfernt endlich die Schraubzwinge aus deinem Nacken. Die wortlose Kommunikation zwischen der Schönen und dem Biest funktioniert.

„We talk in the Police Station, don’t worry“, spricht die Polizistin leise und sanft zu dir. Sie fährt fort: „My name is Police Superintendent Ma’am Papillio. This is CIDG Senior Police Inspector Sir Villanova.“

Du richtest dich ein wenig auf, traust dich aber nicht nach vorne zu rutschen. Die Handschellen zwischen Rücken und Rückbank brennen auf den wunden Stellen.
„Be quiet“, scheint Ma’am Papillio deine Gedanken lesen zu können. Der Bulle neben dir hat ein breites Grinsen im speckigen Gesicht. Dessen Namen hast du bereits vergessen. Erscheint dir auch nicht wirklich wichtig.
Genervt vom Spot der Kamera, weist Ma’am Papillio die Typen an, mit den Filmen aufzuhören. Ihr Wort hat Gewicht. Der Spot erlischt sofort.

Hinter euch springen recht sportlich Leute auf. Verschlafene und aufgeweckte Kinder sind das nicht. Vorsicht blickst du dich um. Da stehen noch zwei weitere Polizei Pick-Ups. Von den fünf Jungen ist nichts zu sehen.

Unvermittelt startet der Motor. Der schwere Wagen schaukelt und umschifft tiefe Pfützen. Ihr verlasst den regennassen Vorplatz des Hotels. Blau-Rote Polizeilichter blitzen in der Nacht, spiegeln sich in den Pfützen und an den Regentropfen der Polizeifahrzeuge. Das Getriebe kracht laut, der Motor und die Sirene heulen auf.
Rücksichtslos drängt sich der Fahrer in den fließenden Verkehr und gibt brutal Gas.

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