1.10. Youth Home (Kinderheim) [OFFEN]

Es geht gegen 2:00 Uhr. Der schwere Toyota Pick-up hält auf dem regennassen, spärlich beleuchteten Vorplatz des

‚Bureau of Social Welfare and Development‘ (BSWD).
[Amt für soziale Wohlfahrt und Entwicklung]

Kaltes Mondlicht lässt die Situation gespenstisch erscheinen. Es herrscht eine hohe tropische Luftfeuchte. Die Scheinwerfer des schweren Polizeifahrzeuges werfen kegelförmiges Licht in die dunstige Nacht. Im diffusen Licht wirkt der Plattenbau, den die Gruppe ansteuert, äußerst abweisend. Nur in der zweiten Etage brennen trübe einige Lichter. Das Gebäude ist weiß getüncht. Die Farbe ist vom Regen an vielen Stellen bereits abgewaschen. Einige Betonplatten am Gebäude stehen etwas vor, einige sind etwas nach hinten versetzt. Die am Gebäude umlaufenden Fensterschlitze auf jeder Etage sind an einigen Stellen durch senkrecht stehende Rundstähle vergittert. Das Gebäude ist ein fantasieloser Siebzigerjahre-Zweckbau. Der Vorplatz wird als Parkplatz genutzt. Nur wenige Fahrzeuge stehen dort und der Platz ist mit unzählige Pfützen übersät. Direkt vor dem Haus befindet sich ein halbes Basketballfeld mit zerschlissenem Basketballnetz. Es gibt einen Spielplatz mit Spielgeräten. Das gesamte Gelände ist von einem etwa drei Meter hohen Maschendrahtzaun umschlossen. Auf dem Zaun befinden sich umlaufende Rollen Stacheldraht. Alles ist vom Rost angefressen. Das zweiflügelige und windschiefe Drahtzauntor an der Straße steht offen. An den Toren hängen schwere Ketten mit Vorhängeschlössern.

An der Straße rechts neben der Zufahrt und vom schmalen Gehweg zurückgesetzt, befindet sich ein schief stehendes BSWD-Emblem. Der Betonklotz ist ebenfalls weiß getüncht. Ihn ziert das handgemalte Logo des BSWD: Zwei dunkelblaue Hände die mehrere Personen, die in roter Farbe gehalten sind, umschließen. Die Kontur des Klotzes folgt den Konturen der Hände und Unterarme. Auf der linken schmalen Seite des Emblems, befinden sich mehrere Abdrücke von sehr groben Sohlen. Stille Zeugen der Tat, die das Emblem zum Schiefstand gebracht haben.

Gemeinsam gehen die Lichter an der Eingangstür und im Treppenhaus an.

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Die Kinder steigen müde, von den mittig und zur Fahrtrichtung platzierten Bänke des Pick-ups ab. Die Rucksäcke haben sie geschultert. Die Sozialarbeiterin Ma’am Solano, schreitet wie eine Entenmutter voran und die Jungen trotten teilnahmslos hinterher. Das Schlusslicht ist ein Polizist in khakifarbener Uniform. Mit dem geschulterten Sturmgewehr, gleicht er mehr einem hochgerüsteten Soldat der in den Krieg zieht, denn einem Polizisten. Der Fahrer bleibt im Wagen und zündet sich gelangweilt eine Zigarette an. Mit einer starken Taschenlampe leuchtet der Polizist der Gruppe den Weg. Im Büro des BSWDs ist der Auftrag des Polizisten beendet. Er fragt: „Erlaubnis zum Gehen?“, wartet aber nicht die Reaktion der BSWD Mitarbeiter ab, sondern führt mit flachen Hand zackig den militärischen Gruß aus und verschwindet.

Ma’am Solano weist die Kinder an, in der Ecke des Büros platz zu nehmen. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und unterhält sich sogleich flüsternd mit einem älterem Herrn in beigefarbener Hose, Hemd und Weste. Der hat bereits an seinem Schreibtisch gesessen, als die Gruppe das Büro betreten hat, ist etwa so alt wie Ma’am Solano und hat frappierende Ähnlichkeit mit Buddha. Er und Ma’am Solano könnten Geschwister sein. Während ihres angeregten Gespräches bildet sich Schweiß auf ihren Stirnen. Sie lachen manchmal laut und schütteln dabei ihre Köpfe. Dann zeigt Ma’am Solano dem Buddha die Fotos aus dem Hotelzimmer in ihrem Cellphone (Handy). Keine Reaktion im Gesicht von Buddah. Er tippt während der Unterhaltung einige Male auf seine Computertastatur ein. Mit einem Finger vorsichtig und langsam, jede Taste genau überlegt, als habe er Angst, mit seinen dicken Händen die Tastatur kaputt zu machen.

Etwas Abseits sitzt still eine junge Sozialarbeiterin. Alle Mitarbeiter haben einen laminierten Ausweis am Band um den Hals hängen. Die hübsche Sozialarbeiterin lauscht dem Gespräch der beiden Alten. Sie trägt einen dicken Pferdeschwanz. Dann und wann wirft sie den Jungen verstohlene ungläubige Blicke zu. Jetzt aber lächelt sie nett und aufmunternd. Der weite pinkfarbenen Jogginganzug und die weißen Sneakers kleiden sie.

Die Kinder kauern übernächtigt, verängstigt und verstört in der Ecke wie ein Rudel Welpen, das auf die Mutter wartet.

Unvermittelt greift die junge Sozialarbeiterin neben sich und hebt einen Träger mit sechs Wasserflaschen auf. Sie gibt jedem Kind eine Flasche mit den Worten: „Ein klein wenig Geduld Kinder, Ihr könnt gleich schlafen gehen.“

Die Kinder sind durstig, trinken gierig, nicken kaum sichtbar und zucken kurz mit den Augenbrauen und flüstern: „Salamat kaayo, Ma’am.“

Sie flüstert: „Ihr braucht Euch nicht zu bedanken.“

Etwa 10 Minuten später, rattert der Nadeldrucker. Der Buddha reißt das Blatt vom Endlospapier ab und legt es Ma’am Solano auf den Tisch. Die setzt umständlich ihre goldene Lesebrille auf die Knollennase und studiert kurz den Ausdruck, unterschreibt, gähnt dabei künstlich, gibt den Ausdruck an den Buddha zurück und schaut kurz die Kinder mitleidig an. Nun nickt sie dem Buddha grinsend zu, schaut auf ihre kleine goldene Armbanduhr, gähnt nochmals gekünstelt, kramt einige Dinge zusammen und verlässt wortlos das Büro, ohne dass sie den Kindern weitere Blicke würdigt.

Der Buddha erhebt sich. Auf seiner Glatze und dem speckigen Gesicht, spiegelt sich das kalte Neonlicht. Unter seinen müden Augen hat er dunkle Tränensäcke. Er trägt eine Hose mit Bügelfalten. Der schmale Gürtel schneidet den Bauch, sodass dieser über dem Gürtel hängt. In seiner linken Brusttasche stecken unzählige Kugelschreiber. Zeitgleich mit ihm steht auch die junge Sozialarbeiterin mit dem Pferdeschwanz auf.

Buddha spreizt die Arme, als begrüße er einen alten Freund: „Willkommen im BSWD Youth Home!“

Die Kinder heben kurz grüßend die Augenbrauen und vermeiden direkten Augenkontakt.

„Mein Name ist Sir Sala. Ich bin der Boss hier. Also vom Youth Center.“ Er nickt mit einem süffisanten Lächeln Richtung Sozialarbeiterin: „Und die junge hübsche Dame, das ist Ma’am Burque. Eure Betreuung bis sich die Angelegenheit geklärt hat. Also, bis wir weiter wissen. Also wissen, was weiter passieren soll.“

Ma’am Burque bleibt trotz des peinlichen Getue Sir Salas cool. Sie sagt freundlich: „Ihr seid doch sicherlich sehr müde? Ihr seht nämlich so aus.“

Ihr Boss fällt ihr ins Wort: „Ihr habt ja einiges durchgemacht heute Nacht. Habt keine Angst. Hier bei mir, also bei uns, seid Ihr sicher!“
Er nickt wieder Ma’am Burque zu. Gedankenverloren dreht er sich seinem Schreibtisch zu: „Ihr schlaft also gerne in Hotels mit vier Sternen?“

Die Kinder wissen mit dem Begriff „vier Sternen“ nichts anfangen, antworten deshalb nicht und schauen unsicher zur Seite.

„Na ja, ist ja auch egal“, beendet Sir Sala das Thema. „Möchtet Ihr noch eine Kleinigkeit essen oder trinken, bevor Ma’am Burque Euch die Betten zeigt?“

Die Fünf schweigen unsicher, vermeiden weiterhin Augenkontakt.

Sam findet den Mut, zu antworten: „Kann ich meine Eltern anrufen?“

Auch Phil ruft: „Ich auch, bitte!“

Sir Sala schaut auf die Uhr: „Kinder, es ist 2:30 Uhr durch, Eure Eltern schlafen doch alle.“

„Mein Vater wollte aber fischen gehen. Der ist bestimmt noch wach!“, entgegnet Sam schnell.

„Meiner auch. Ich meine, mein Vater wollte auch Fischen“, ergänzt Phil.

„Ich habe auch ein Cellphone“, ruft Jan.

Dan, Jans kleiner Bruder nickt zustimmend.

Aboy sagt nur: „Ich muss aufs Klo!“

„Ihr habt alle ein Cellphone?“, stellt verwundert Sir Sala fest.

„Hat Tommy uns zu Weihnachten geschenkt!“, ruft Aboy stolz.

„So, so!“, ist Sir Salas kurze Antwort.

Ma’am Burque unterstützt Sir Sala: „Aber Kinder, nun schlaft erst einmal ein wenig, Eure Eltern schlafen doch auch!“

Die Jungen geben auf. Sie sind auch einfach zu übernächtigt und zu kaputt, um zu protestieren.

Sir Sala sieht die Kinder streng an: „Jungs, ich verspreche Euch, morgen früh, also in wenigen Stunden könnt Ihr Eure Eltern anrufen. Und Ihr werdet uns dann, im Gegenzug dafür erzählen, was Ihr gestern den ganzen Tag im Hotel getrieben, also ich meine, gemacht habt, okay?“

Die Kinder murren nicht einmal.

„Gut, Kinder, seid nicht traurig. Bei uns seid Ihr sicher. Nun schlaft erst einmal. Ma’am Burque zeigt Euch den Schlafsaal. Gute Nacht, Jungs.“

[Ende 1. Kapitel und erster Tag]

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