1.09. Youth Home (BSWD) [OFFEN]

Es geht gegen 2:00 Uhr. Der schwere Toyota Pick-up hält auf dem regennassen, spärlich beleuchteten Vorplatz des

‚Bureau of Social Welfare and Development‘ (BSWD).

Kaltes Mondlicht lässt die Situation gespenstisch erscheinen. Es herrscht tropische Luftfeuchte. Die Scheinwerfer des schweren Polizeifahrzeuges werfen kegelförmiges Licht in die dunstige Nacht. Im diffusen Licht wirkt der Plattenbau äußerst abweisend. Nur in der zweiten Etage brennen einige trübe Lichter. Das Gebäude ist weiß getüncht. Der Kalk ist vom Regen an vielen Stellen bereits abgewaschen. Einige Betonplatten am Gebäude stehen etwas vor, einige sind etwas nach hinten versetzt. Senkrechte und waagerechte Linien an der Fassade stimmen nicht. Die umlaufenden Fensterschlitze auf jeder Etage, sind dunkel getönt und an einigen Stellen, durch senkrecht stehende Rundstähle vergittert. Das Gebäude ist ein billiger, fantasieloser, siebzigerjahre Zweckbau. Der Vorplatz wird als Parkplatz genutzt. Nur wenige Fahrzeuge stehen dort und der Platz ist mit unzählige Pfützen übersät. Direkt vor dem Haus ist ein halbes Basketballfeld. Das Basketballnetz hängt zerfetzt herab. Dahinter ein Spielplatz mit Spielgeräten. Die schmutzige Schaukel quietscht leise im Wind. Bänke und Tische aus Stein. Das gesamte Gelände ist von einem etwa drei Meter hohen Maschendrahtzaun umschlossen. Auf dem Zaun, umlaufende Rollen Stacheldraht. Alles ist vom Rost angefressen. Das zweiflügelige, windschiefe Drahtzauntor an der Straße steht offen. An den Toren hängen schwere Ketten mit Vorhängeschlössern, zum Verriegeln der Tore.

Gerade gehen die Lichter an der Eingangstür und im Treppenhaus gleichzeitig an.

An der Straße, rechts neben der Zufahrt und vom schmalen Gehweg zurückgesetzt, befindet sich ein schief stehendes BSWD-Emplem. Der Betonklotz ist wie das Gebäude weiß getüncht. Ihn ziert das handgemalte Logo des BSWD: Zwei Hände, man schaut auf die Daumen (in dunkelblauer Farbe) die mehrere Personen (in roter Farbe) umschließen. Die Kontur des Klotzes folgt den Konturen der Hände. Dort wo sich die aneinander liegenden Arme befinden, ist der Klotz folglich schmaler, also eine Pilzform. Auf der linken schmalen Seite des Betonklotzemblem, befinden sich mehrere Abdrücke von sehr groben Sohlen. Stille Zeugen der Tat, die das Emblem zum Schiefstand gebracht haben.

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Die Kinder steigen müde, von den mittig und zur Fahrtrichtung platzierten Bänke des Pick-up ab. Ihre Rucksäcke haben sie geschultert. Youth Social Worker Ma’am Solano, schreitet wie eine Entenmutter voran. Die Jungen trotten teilnahmslos hinterher. Das Schlusslicht ist ein Polizist in Khaki-farbener Uniform. Er gleicht eher einem hochgerüsteten Soldaten, der in den Krieg zieht, denn einem Wachmann. Das Sturmgewehr hat er geschultert. Der Fahrer bleibt im Wagen zurück und zündet sich gelangweilt eine Zigarette der Marke ‚More‘ an. Mit einer starken Taschenlampe leuchtet der Polizist den Weg. Im Büro des BSWD ist der Auftrag des Polizisten beendet. Er fragt: „Erlaubnis zum Gehen?“, wartet aber nicht die Reaktion der BSWD Mitarbeiter ab, sondern führt mit der flachen Hand an der Stirn den militärischen Gruß aus und verschwindet.

Ma’am Solano weist die Kinder an in der Ecke des Büros platz zu nehmen. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und unterhält sich sogleich flüsternd mit einem älterem Herrn in beigefarbener Hose, Hemd und Weste. Der hat bereits an seinen Schreibtisch gesessen, als die Gruppe das Büro betreten hat, ist etwa so alt wie Ma’am Solano und hat frappierende Ähnlichkeit mit Buddha. Buddha und Ma’am Solano könnten Geschwister sein. Während ihres angeregten Gespräches bildet sich Schweiß auf ihren Stirnen. Sie lachen manchmal laut und schütteln dabei ihre Köpfe. Dann zeigt Ma’am Buddah ihr Cellphone, wahrscheinlich die Fotos aus der Cottage. Keine Reaktion im Gesicht von Buddha. Er tippt während der Unterhaltung auf seine Computertastatur ein. Mit einem Finger vorsichtig und langsam, jede Taste genau überlegt, als habe er Angst, mit seinen dicken Händen die Tastatur kaputt zu machen.

Etwas Abseits sitzt still eine junge Sozialarbeiterin. Alle Mitarbeiter haben einen laminierten Ausweis am Band, um den Hals hängen. Die hübsche Sozialarbeiterin, sie trägt einen dicken Pferdeschwanz, lauscht dem Gespräch der beiden Alten. Dann und wann, wirft sie den traurigen und verängstigten Jungen verstohlene, ungläubige Blicke zu. Jetzt aber lächelt sie nett und aufmunternd. Der weite pinkfarbenen Jogging Anzug und die weißen Sneakers kleiden sie.

Die Kinder kauern übernächtigt, verängstigt und verstört in der Ecke, wie ein Rudel Welpen, das auf die Mutter wartet.

Unvermittelt greift die junge Sozialarbeiterin unter den Schreibtisch von Ma’am Solano und hebt einen Blister mit sechs kleinen Wasserflaschen auf. Sie gibt jedem der Kinder eine Flasche mit den Worten: „Ein klein wenig Geduld Kinder, Ihr könnt gleich schlafen gehen.“

Die Kinder sind durstig, trinken gierig, nicken kaum sichtbar oder heben ganz kurz die Augenbrauen und flüstern: „Salamat kaayo, Ma’am.“

Sie flüstert: „Ihr braucht Euch nicht zu bedanken.“

Etwa 10 Minuten später, rattert der Nadeldrucker. Der Dicke reißt das Blatt vom Endlospapier und legt es Ma’am Solano auf den Tisch. Die setzt umständlich ihre vergoldete Lesebrille auf die Knollennase und studiert kurz den Ausdruck, unterschreibt, gähnt dabei künstlich, gibt den Ausdruck an den Dicken zurück und schaut kurz die Kinder mitleidig an. Nun nickt sie dem Dicken grinsend zu, schaut auf ihre kleine goldene Armbanduhr, gähnt nochmals gekünstelt, kramt einige Dinge zusammen und verlässt wortlos das Büro, ohne den Kindern eines weiteren Blickes zu würdigen.

Der dicke Buddha erhebt sich. Auf seiner Glatze und dem speckigen Gesicht, spiegelt sich das kalte Neonlicht. Unter seinen müden Augen hat er dicke, dunkelblaue Tränensäcke. Seine Hose hat Bügelfalten. Der schmale Gürtel schneidet den Bauch, so dass dieser über dem Gürtel hängt. In seiner linken Westenbrusttasche stecken unzählige Kugelschreiber. Zeitgleich mit ihm, steht auch die Sozialarbeiterin, mit dem streng zurückgekämmten Haar und dem langen Pferdeschwanz auf.

Buddha spreizt die Arme, als begrüße er einen alten Freund: „Willkommen im BSWD Youth Home!“

Die Kinder heben wieder nur kurz bejahend die Augenbrauen und vermeiden direkten Augenkontakt.

„Mein Name ist Sir Sala. Ich bin der Boss hier. Also vom Youth Center.“ Er nickt mit einem süffisanten Lächeln Richtung Sozialarbeiterin: „Und die junge hübsche Dame, ist Ma’am Burque. Eure Betreuung, bis sich die Angelegenheit geklärt hat. Also, bis wir weiter wissen. Also wissen, was weiter passieren soll.“

Ma’am Burque bleibt trotz des peinlichen Getue Sir Salas cool. Sie sagt freundlich: „Ihr seid doch sicherlich sehr müde, Ihr seht nämlich so aus.“

Ihr Boss fällt ihr ins Wort: „Ihr habt ja einiges durchgemacht heute Nacht. Habt keine Angst. Hier bei mir, also, bei uns, seid Ihr sicher!“
Er nickt wieder Ma’am Burque zu. Gedankenverloren dreht er sich seinem Schreibtisch zu: „Ihr schlaft also gerne in Hotels mit vier Sternen?“

Die Kinder wissen mit dem Begriff ‚vier Sternen‘ nichts anfangen, können deshalb darauf nicht antworten und schauen unsicher zur Seite.

„Na ja, ist ja auch egal“, beendet Sir Sala das Thema. „Möchtet Ihr noch eine Kleinigkeit Essen oder Trinken bevor Ma’am Burque Euch die Betten zeigt?“

Die Fünf schweigen unsicher, vermeiden weiterhin Augenkontakt.

Sam findet den Mut, zu antworten: „Kann ich meine Eltern anrufen?“

Auch Phil ruft: „Ich auch, bitte.“

Sir Sala schaut auf die Uhr: „Kinder, es ist 2:30 Uhr durch, Eure Eltern schlafen doch alle.“

„Mein Vater wollte aber fischen gehen. Der ist bestimmt noch wach!“, entgegnet Sam schnell.

„Meiner auch. Ich meine, mein Vater wollte auch Fischen“, ergänzt Phil.

„Ich habe auch ein Cellphone“, ruft Jan.

Dan, Jans kleiner Bruder nickt zustimmend.

Aboy sagt nur: „Ich muss aufs Klo!“

„Ihr habt alle ein Cellphone?“, stellt verwundert Sir Sala fest.

„Hat Tommy uns zu Weihnachten geschenkt!“, ruft Aboy stolz.

„So, so!“, ist Sir Salas kurze Antwort.

Ma’am Burque unterstützt Sir Sala: „Aber Kinder, nun schlaft erst einmal ein wenig, Eure Eltern schlafen doch auch!“

Die Jungen geben auf. Sie sind auch einfach zu übernächtigt und kaputt.

Sir Sala sieht die Kinder streng an: „Jungs, ich verspreche Euch, morgen früh, also in wenigen Stunden, könnt Ihr Eure Eltern anrufen. Und Ihr werdet uns dann, im Gegenzug dafür erzählen, was Ihr gestern den ganzen Tag im Hotel getrieben, also ich meine, gemacht habt, okay?“

Die Kinder murren nicht einmal.

„Gut, Kinder, seid nicht traurig. Bei uns seid Ihr sicher. Nun schlaft erst einmal. Ma’am Burque zeigt Euch den Schlafsaal. Gute Nacht Jungs.“

[Ende 1. Kapitel und erster Tag]

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