1.09. Die grauenhafte Zelle! [OFFEN]

Wir gehen aus dem Büro, rechts den düsteren Flur entlang und die flache Treppe zwischen den beiden Schwingtüren des Windfanges hinunter zum Gebäude hinaus. Gerade zu, vorbei an der geschlossenen Schranke zu deren rechten sich ein quadratischer, zweistöckiger Wachturm befindet, wäre der Ausgang zur Freiheit. Die Schranke mit dem Wachturm wird von zwei Neonröhren beleuchtet. Der Wachmann mit dem kurzen Maschinengewehr, es könnte eine Uzi sein, schaut müde aber neugierig. Sicherlich denkt er: ‚Zwei Kollegen mit einem Ausländer auf dem Weg zu den Zellen, das gibts nicht alle Tage oder Nächte.‘ Wir biegen, nachdem wir aus dem Windfang getreten sind, sofort nach links ab und dann gleich noch einmal links durch ein klappriges Drahtzauntor.

Officer Sarang, er geht vor mir, ruft: „Vorsicht, Sir!“, und zeigt zu Boden.

Ich kann nicht erkennen, was er meint, denn es ist zu dunkel und wir sind zu schnell und haben dann sicherlich auch die vermeintliche Gefahrenstelle schon passiert. Wenige Schritte noch und wir stehen vor einem zweiten, diesmal verschlossenen Drahtzauntor. Mühselig schließt Officer Sarang mit einem großen Schlüsselbund das Vorhängeschloss auf. Officer Pangutana, der sich immer hinter mir befindet, leuchtet mit einer Stabtaschenlampe.

Ich frage in die stille Nacht: „Officer, was hat es mit der guten Nachricht auf sich?“

Officer Sarang, beschäftigt den richtigen Schlüssel zu finden, antwortet gestresst: „Oh, da werde ich mir wohl heute Nacht noch einen Rüffel von der Chefin abholen. Habe schon zu viel gequatscht. Das wird Ma’am mit Ihnen morgen früh besprechen. Nur soviel, das hat mit Ihren Gadgets zu tun.“

Es klimpert und Officer Sarang ist am Fluchen. Das Drahtzauntor schwingt quietschend auf und scharrt dabei laut auf dem Boden. Jetzt flucht Officer Sarang beim Öffnen einer Gitterstabtür. Das flache Gebäude, vor dem wir stehen, erinnert an einen Pferdestall mit Pferdeboxen. Wahrscheinlich wegen der Größe und der Anordnung der Türen. Soweit ich das im trüben Nacht- und Lampenlicht erkennen kann, gibt es drei weitere Gitterstabtüren rechts. Links ist ein Türrahmen ohne Tür zu erahnen. An der Gebäudewand gegenüber leuchten zwei wohl ehemals starke Halogenstrahler. Nun sind sie nur noch funzelig gelb. Fette Motten oder andere Insekten fliegen dennoch gegen die trüben Lampen. Die Räume hinter den Gitterstabtüren sind stockfinster und totenstill, bis auf rasselnde Atmung und Schnachgeräusche. Der Schlüsselbund klimpert, das Schloss knackt, die Gitterstabtür quietscht beim Öffnen und auch beim Schließen. Der Schlüsselbund klimpert und das Schloss knackt erneut und ich bin darin.

Allein in der Zelle!

Mit beiden Händen umschließe ich die feuchten und rostigen Gitterstäben der Tür und drücke die Stirn dagegen. Daumendicker, grob verschweißter Baustahl. Hinter mir das absolute Nichts. Ich habe nicht den Mut mich umzudrehen. Scheinbar bin ich alleine in der Zelle. Die Officers Sarang und Pangutana schließen gemeinsam auch das Zauntor ab und verschwinden schnell in die schwüle Tropennacht.

„Gute Nacht!“, haben sie mir gewünscht.

Ich hoffe, sie mögen zurückkommen. Den Bund klimpern, das Schloss knacken und die Tür quietschen lassen. Zurück nach draußen. Hinaus in die Freiheit. Dem irrealen Spuk ein Ende setzen. Es geht nicht in meinen Kopf:

‚Verdammt, ich bin arrestiert und eingesperrt!‘

Von irgendwoher wabern Discomusik und Lachen zur Zelle herein. Ab und zu blitzt es auch in allen Farben. Das muss vom Platz gegenüber der Polizeistation kommen. Da ist reges Treiben gewesen, als wir von der Straße auf dem Hof der Polizeistation abgebogen sind.

Ich fasse Mut und drehe mich um. Schwarz, Rabenschwarz! Das Innere im Kessel einer Dampflokomotive. Schwärzer geht es nicht.

‚Vielleicht ist die Zelle vor kurzem ausgebrannt und deshalb so dermaßen rußschwarz‘, ist mein erster Gedanke, ‚Blödsinn!‘, der zweite Gedanke und ‚Es riecht nicht verbrannt!‘, der dritte Gedanke.

Langsam gewöhnen sich die Augen an die Finsternis. Gegenüber der Gitterstabtür schimmert Mondlicht durch ein schmales Fenster unter der Zellendecke. Der Fensterspalt ohne Glas ist nur etwa 40 Zentimeter hoch und erstreckt sich über die gesamte Zellenlänge. Auch der Spalt ist wie die Tür mit Baustahl vergittert. An der Wand zwischen Zellentür und Fensterwand steht ein grob gezimmertes schiefes Etagenbett. Im schwachen Licht erscheint es wie ein Schiffswracks oder wie das Gerippe aus einem Horrorfilm. Es ächzt dann auch verdächtig, als ich mich auf das untere Bett setze und ich hoffe, es möge nicht unter mir zusammenbrechen. In der Tiefe der Zelle ist in der Finsternis nichts zu erkennen. Das Mond- und schwache gelbe Lampenlicht sind nicht ausreichend. Schlimmer als die Dunkelheit ist jedoch der Gestank, der mich jetzt ereilt. Urin, Schweiß, Kotze, der süßliche Geruch nach Fäulnis, abgestandener und verbrauchter Luft, feuchter Erde und Moder. Dennoch habe ich plötzlich den Duft von Grillfleisch in der Nase. Das muss vom Platz gegenüber kommen. Dort wo die Disco ist, wo das Leben tobt, wo die Menschen zusammen feiern und glücklich sind. Hier dagegen gibt es nur Tod, Moder, Verwesung und Einsamkeit.

Ich bin vollkommen entsetzt, es schaudert mir und ich flüstere leise: „Teufel nochmal, das ist eine Gruft, ein Grab, der Vorhof zur Hölle! Es fehlt nur das Fegefeuer!“ Draußen blitzen die bunten Lichter der Discostrahler und reflektieren an der Gebäudewand gegenüber.

Ich drücke den Knopf für das Licht der Armbanduhr. Für wenige Sekunden ist das schwarze Nichts nicht hell, aber ausreichend beleuchtet. Sofort bereue ich das! Denn das was ich sehe ist unglaublich. Ich traue meinen müden Augen nicht! Absolutes Chaos an der Wand mir gegenüber. Deckenhoch türmt sich ein Müllberg. Ich tippe noch einmal den Knopf der Uhr und noch einmal und noch einmal. Papier, Pappe, Kartons, volle und leere Tüten, kaputte Kunststoffstühle, Dosen, teilweise verrostet, neue und alte Kunststoffflaschen. Zerschlagene und komplette Glasflaschen, mehrere kaputte Cola-Kisten mit etlichen Flaschen darin, verrostete Metallteile, alte, gelbe Neonröhren, ein Autoreifen mit Felge, zersplittertes Holz und ein vergilbter Reissack mit dem Aufdruck: „NFA Rice, Grade 5, Vietnam, 50 kg.“ Der Sack ist verschnürt. Es gibt jede Menge Verpackungen von Fastfoodketten. Vieles ist im diffusen Licht nicht zuordenbar. Die Quelle des üblen Gestanks ist der Müllberg. Es raschelt im Müll und Teile des Mülls bewegen sich.

Der Schock sitzt!

Zu allem Unglück muss ich plötzlich auch noch pinkeln! Das viele Mineralwasser heute Abend! Doch wo? Da ist kein Klo, kein Waschbecken und auch kein Wasserhahn. Da ist nichts! Nicht einmal ein Loch im Boden. Einfach nichts! Aus der Tür pinkeln traue ich mich nicht, denn trotz der finsteren Nacht, ist mir dennoch nicht die Kamera entgangen, die ihr Auge auf die Zellentüren richtet. Auf dem Boden liegt eine Kunststoffflasche. Eine klare sicherlich neue Mineralwasserflasche. Sauber und mit Verschluss. Nicht lange überlegt und hineingepinkelt, Flasche verschraubt und in den Müllberg gefeuert. Sofort huscht etwas mit glänzenden dunklem Fell und langem, glatten Schwanz, laut quiekend an mir vorbei, zur Gitterstabtüre hinaus. Ich schreie auf, denn ich bin ebenso erschrocken, wie die Ratte. Es schaudert mir erneut und ich flüstere mit Grausen: „Was wäre passiert, hätte die mich angesprungen?“

Sofort drücke ich nochmal den Knopf für Licht. Da ist noch mehr Viehzeug. Eine Ameisenstraße vom Müllberg zur Tür hinaus. An der Tür turnen munter fette Kakerlaken. Kleine beigefarbene Tierchen, die wie Eidechsen aussehen, krabbeln an Wände und der Decke herum und jagen Insekten. Nun vernehme ich auch das Surren der Mücken. Ich leuchte einmal im Halbkreis und entdecke am Boden des Bettes über mir ein Teppich aus Spinnweben, doch es sind keine Spinnen zu sehen.

Jetzt aber bin ich vollkommen kaputt und mir ist alles egal. Erschöpft lege ich mich auf die versiffte Pappe. Die linke Hand zwickt, aber das ist nun auch egal. Scheißegal! Ich überlege, den Knopf für Licht noch einmal zu drücken, um die Zeit zu checken, lasse es aber.

‚Egal! Auch die Zeit ist doch egal!‘

Nun liege ich da, wie man mich festgenommen hat. In Sandalen, kurzer Hose und T-Shirt. Total erschöpft ist mir jetzt wirklich alles vollkommen egal: Der unerträgliche Gestank, die verschmutzten Pappen auf denen ich liege, das knarzende Bett, die Insekten und das Viehzeug, die Discomusik mit den dazugehörigen bunten Lichtblitzen und das Lachen der fröhlichen Menschen.

Ich denke an die fünf Jungen und rede leise zum Spinnwebenteppich über mir: „Hoffentlich findet Ihr einen besseren Platz zum Schlafen. Sicherlich ist das so. Ihr seid nun ganz besonders wertvolle Freunde. Wertvoll für Polizei, die Medien und für wen oder was sonst noch? Für mich! Ja, hauptsächlich für mich!“ Zerknirscht reibe ich mir das Gesicht: „Was für dumme, unnötige Gedanken!“

Ich schließe die Augen und sofort bin ich dort, wo ich vor einigen Stunden schon einmal gewesen bist: Zwischen dem Wachsein und dem Schlaf. In einer irrealen Zwischenwelt.

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