1.06. Gesetz ist Gesetz

Mit beiden Händen reibst du die Müdigkeit aus dem Gesicht und bringst etwas Schweiß von der Stirn in die Augen. Die Augen brennen und tränen nun leicht. Du siehst Villanova nur noch verschwommen.
Du fragst erneut. Diesmal förmlich und gespielt freundlich: „Sir, please. Warum bin ich verhaftet worden? Was gibt Ihnen das Recht, an das Cottage zu klopfen und mich und die Kinder hierher zu bringen?“
Villanova schaut, wohl deiner plötzlichen Freundlichkeit wegen verwirrt: „Sir“, stottert er“, Ihr Name ist Heger?“
„Korrekt Sir“, antwortest du schnell.
Er führt aus: „Mhm, Okay. Moment Mr. Heger, ich schalte das Tablet an. Dann zeige ich Ihnen, wo das Problem liegt.“

Officer Sarang und Officer Pangutana schauen kurz zufrieden auf. Die latente Aggression scheint endlich aus dem Raum.

Das Tablet leuchtet weiß. Villanova schnauft ungeduldig und wischt mit den dicken Fingern über die Scheibe:
„Mhm“, brummt er, „sehen Sie hier, das ist das Problem. Das ist ein Abschnitt vom Republik Act 7610.“ Er hält dir das Tablet so dicht vor die Nase, dass du kaum etwas erkennen kannst. Du drückst es vorsichtig, mit zusammen gekniffenen Augen zurück und nimmst das Tablet schließlich in die Hand. Villanova schiebt mit dem Finger den Text nach oben: „Lesen sie Ansatz (b).“ Du liest wie Villanova sagte, ab Absatz (b). Zuvor überfliegst du aber die Überschrift:

„Other Acts of Neglect, Abuse, Cruelty or Exploitation and Other Conditions Prejudicial to the Child’s Development.“

Dann schiebst du den Absatz (a) nach oben, aus dem Screen hinaus und liest weiter Absatz (b):

„(b) Any person who shall keep or have in his company a minor, twelve (12) years or under or who in ten (10) years or more his junior in any public or private place, hotel, motel, beer joint, discotheque, cabaret, pension house, sauna or massage parlor, beach and/or other tourist resort or similar places shall suffer the penalty of prision mayor in its maximum period and a fine of not less than Fifty thousand pesos (P50,000): Provided, That this provision shall not apply to any person who is related within the fourth degree of consanguinity or affinity or any bond recognized by law, local custom and tradition or acts in the performance of a social, moral or legal duty.“

Villanova ist nun freundlicher. Es scheint ihm sei auch wohler, daß ihr eine vernünftige Kommunikationsebene gefunden habt: „Wenn ich zusammen fassen darf. Die Kinder sind 12 Jahre und darunter. Sie sind nicht der Vater, Stiefvater, Onkel, Cousin, Schwager und so weiter? Haben auch keine offizielle soziale oder rechtliche Legitimation?“

Du schüttelst hastig und geschockt den Kopf. Dir wird heiß, Schweißperlen treten auf die Stirn. Du spürst den Puls im Hals klopfen. Der Blutdruck steigt und der Druck in den Schläfen nimmt zu. Der Rachen ist wieder trocken. Deine Atmung ist kurz. Du bist ein paar Sekunden, außerstande klare Gedanken zu fassen. Der Raum dreht sich und wankt leicht. Villanova scheint deine aufkommende Panik zu bemerken und weist Sarang an, noch eine Flasche Wasser zu bringen. Sofort kippst du das kühle Wasser hinunter und fühlst dich augenblicklich etwas besser.
„Das habe ich nicht gewusst!“, stammelst du, „so ein Gesetz gibt es bei uns….äh, in meinem Land nicht Sir.“
Villanova schüttelt den Kopf: „Gut, alles weitere bespricht Ma’am Papillio mit ihnen. Viel Glück und passen Sie auf ihre Hand auf.“ Er zeigt kurz auf das Pflaster, macht zackig auf dem Absatz kehrt, nickt den jungen Polizisten zu und verlässt wortlos den Raum.

‚Kurz und schmerzlos der Typ‘, hängen ihm deine Gedanken nach. Officer Sarang errät deine Gedanken: „Der ist eben so. Nehmen sie es dem nicht übel. Der hat viel durchgemacht. Seine Frau war auch Polizistin. Wurde angeschossen von einem Drug-Addict. Sitzt nun im Rollstuhl.“

Du weißt nicht recht etwas mit diesen Informationen anzufangen und nickst nur zaghaft.

Ma’am Tolisan kommt eilig aus der Kammer. Sie sieht, wie wohl alle hier heute Nacht, mitgenommen und übernächtigt aus. Dunkle Ringe unter den müden Augen.
Sie verlässt – ohne dich eines Blickes zu würdigen – das Büro.

Officer Sarang kommt heran: „Ich denke, da ist noch eine gute Nachricht für Sie drinn heute Abend. Aber das sollte besser die Chefin, Ma’am Papillio mit Ihnen besprechen. Um ihre Gadgets kümmern wir uns Morgen.“ Sarang schaut auf die Uhr und erschrickt: „Oh mein Gott, schon so spät! Also um die Gadgets kümmern wir uns dann Morgen, Morgen früh“, wiederholt er sich. „Ich möchte Sie nur kurz bitten zu schauen, ob alle ihre Gadgets im Rucksack sind.“ Er lacht laut: „Nicht daß dort etwas im Hotel liegen geblieben ist.“ Über den Scherz kannst du nicht lachen. Verziehst das Gesicht trotzdem zu einem schiefen Grinsen. Du kontrollierst den Inhalt: „Alles da!“
Sarang nimmt dankend den Rucksack hoch und verschließt ihn im Spint in der linken Kammer.
„Keine Sorge, hier kommt nichts weg“, grinst Sarang breit.
„Ja, immerhin sind wir hier in einer Polizeistation“, bist du es nun der einen dummen Witz macht.

Die Bürotür wird aufgestoßen. Es ist aber nicht Ma’am Tolisan, die durch das Büro fliegt, sondern die Frontfrau. Deren Funktion ist dir immer noch nicht klar.
Hastig öffnete sie die Tür zur Kammer, wechselt nun wenige Worte mit Ma’am Papillio.

Du hörst deutlich das Wort „Shit“ Maam Papillio sagen und spürst die Elektrizität in der Luft.

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