1.05. Wo ist das Problem?

Du bekamst vom Fortgang des Dramas in der engen Kammer – vom Leiden der Kinder und auch der beiden Polizistinnen – anschließend nichts weiter mit. Denn – zeitgleich zu den zähen Befragungen der Kinder – kam CIDG Villanova polternd und schnaufend ins Büro. Knallte die Tür zu, legte unsanft deinen Rucksack vor deine Füße. Öffnete kurz die Tür zur Kammer und schüttelte schweigend den Kopf Richtung Ma’am Papillio. Bevor der Dicke die Tür der Kammer zu schlug, hörstest du leise aber deutlich ein „Okay“ von Papillio zu Villanova.
Ein gesungenes Okay. Kurzes „O“, langes „Ay“. Ein „Okay“, das Frauen gerne benutzen, wenn sie Zustimmen aber eigentlich genau das Gegenteil meinen, wollen oder möchten.

PO1 Sarang nickte dir daraufhin erleichtert zu und hob kurz – für Villanova und den Polizistinnen – unbemerkt den rechten Daumen. Du hast absolut nicht den geringsten Nerv und die Fantasie, das Getue zu deuten. ‚Um was geht es?‘, überlegst du kurz, ohne eine Antwort zu finden.

Du hast auch nicht die Zeit darüber nachzudenken, denn nun steht der Villanova vor dir. Er hat etwas Primatenhaftes. Der robuste Körperbau. Die etwas zu langen Arme mit den riesigen, wulstigen, behaarten Händen. Der fehlende Hals mit speckigen Stiernacken. Ein fast quadratische Kopf, mit buschigen Augenbrauen und Knollennase ohne sichtbares Nasenbein. Dazu die kurzen Beine. Trainierter Körper aber Bierbauch und Glatze. Gut, letzteres hat ein Primat wohl nicht. ‚Der ist nicht fett‘, stellst du jetzt im kalten weißen Neonlicht fest, ‚der ist einfach so gebaut!‘

Villanova grinst breit. Zwischen den dicken Lippen präsentiert er ein löchriges Gebiss. Gleichzeitig hebt er kurz den Rucksack hoch und stellt im undeutlichen Englisch fest: „Very heavy!?“
„That is the Glas. The lens of the camera“, antwortest du, ohne aufzublicken. Was du denkst, sagst du lieber nicht: ‚Das geht dich gar nichts an, blöder, brutaler Idiot!‘

Unter seinem linken Arm klemmt ein Tablet-PC. Zuerst denkst du, das ist deiner aus dem Rucksack, erkennst dann aber schnell, das daß irgendein NoName-Produkt ist.

Villanova: „Die Miranda Doctrine las ich Ihnen ja schon im Hotelzimmer vor!?“
Du ungehalten: „Die was? Maran-das… was bitte?“
Villanova schnauft ungeduldig: „Sie haben das Recht zu schweigen….“
Du verwundert: „Kann mich nicht erinnern“, und frech grinsend, „war wohl anderweitig beschäftigt!“
Villanova verärgert: „Machen Sie sich nur lustig. Das hier ist überhaupt nicht witzig. Ihre Situation ist alles andere als zum Lachen!“
Du sarkastisch: „Das habe ich kapiert, Sir! Was – verdammt nochmal – werfen Sie mir eigentlich vor?“
Villanova grinst siegessicher und klopft auf die Rückseite des Tablet-PC: „Das werden Sie gleich erfahren. Aber erst lese ich ihnen nochmals die ‚Miranda Warning‘ oder wie wir sagen die ‚Miranda Doctrine‘ vor, so dass ich – als Ihr ‚Arresting Officer‘ – keine Probleme kriege…..Man weiß ja nie!? Ausländer… Big Money… Private Attorney!“, er lacht gehässig.
Du verstehst vom blöden Gequatsche kaum was: „What do you talking about?“
Mit zitternden Zeigefinger zeigt Villanova zu den Polizisten: „Officer Sarang und Officer Pangutana sind meine Zeugen.“ Die zwei jungen Polizisten nicken neutral beiläufig, ohne ihre Schreibtischarbeit zu unterbrechen.
Villanova holt tief Luft, sein Brustkorb schwillt. Spärliches Brusthaar ist im halb geöffneten, buntem Hawaiihemd zu sehen. In kaum verständlichen, gebrochenen Englisch mit starkem asiatischen Slang, liest er von einem zerknitterterten Blatt ab:

„You have the right to remain silent. Anything you say can and will be used against you in a court of law. You have the right to an attorney. If you cannot afford an attorney, one will be provided for you. Do you understand the rights I have just read to you? With these rights in mind, do you wish to speak to me?“

‚Oh man‘, denkst du während er eifrig liest, ‚was musst du noch alles ertragen?‘

Nach ein paar Minuten ist er fertig. Dir fallen fast – vor Müdigkeit – die Augen zu.
„Do you want to speak to me? To us?“, fragt Villanova dich, mit kritischem Blick und zusammen gekniffenen Augen.
„Kein Problem damit! Aber sagen Sie mir doch endlich, wo das Problem ist?“

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