1.04. Sprich es aus!

Indessen ist es in der Kammer ruhiger geworden. Abgesehen vom sonoren Surren eines Tischventilators und den Arbeitsgeräuschen der beiden Polizisten, ist es in der Tat im Büro, bedrückend still. Durch die Glasscheibe beobachtest du, wie Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan verschwörerisch, gemeinsam mit den Kindern die Köpfe zusammen stecken. Die Kinder sitzen im Halbkreis um die Polizistinnen und die sitzen am Computertisch. Verstohlen blickten die Kinder hin und wieder zu dir, durch die schmierige Glasscheibe.

Die Kinder sehen nun völlig fertig aus. Der erlebnisreiche Tag heute: Zuerst die anstrengende Busreise, mit dem unbequemen oft heftig schaukelnden Überlandbus und das ständige Stop-and-go, der Baustellen wegen. Anschließend die überglückliche Zeit in der Shopping Mall und dort als Highlights Pizza Hut und Gaming Zone. Und dann das über zweistündige Toben und Planschen in der Poollandschaft. Die Jungs konnten einfach nicht genug bekommen. Nach kurzem Relaxen, dann noch mal Shopping Mall, Burger, Eistee und Medizin für Phils Zahnschmerzen gekauft. Im Hotelzimmer dann ‚Tom and Jerry‘ im TV geschaut und sehr kurze Zeit später die Kapitulation der Jungs, das frühe Einschlafen.

‚Die strahlenden, überglücklichen Gesichter der Kinder und die glänzenden Augen. Die Freude und die höchste Stufe des Glücks!‘ Traurig erinnerst du den vergangenen Tag.

Du reibst dir mit beiden Händen das Gesicht und Augen. Die Augen brennen anschließend leicht. Du bist vollkommen kaputt. Sarang bietet dir noch einen seiner Menthol-Zitronen Bonbons mit den Worten an: „Ein wenig Geduld noch bitte.“ Der Bonbon belebt die Sinne.

Was nun? Die Kinder im Verhör und du verhaftet. Im engen, schäbigen und muffigen Polizeirevier. Das ist Stress pur für die Kinder! Von fremden Personen geweckt werden. Das aufdringliche Kamerateam. Die nicht endende Befragung. Du schaust auf deine Armbanduhr: ‚Es ist schon nach ein Uhr.‘ Du hast leichte Kopfschmerzen.

In der Kammer sind die Polizistinnen im Grunde fertig mit der Aufnahme der Personalien der Kinder. Die im Computer gesicherten Daten, weisen zwar viele Lücken auf aber das ist ihnen jetzt egal. Schnell werden die Familien hier aufkreuzen. Dann kann das Fehlende nachgetragen werden. Soweit die Polizistinnen es beurteilen können, kommen die Jungs zwar aus sehr armen aber intakten Familien.

Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan sind ein eingespieltes Team. Für Aussenstehende ist die heimliche, wortlose Kommunikation der beiden kaum zu deuten. Für Kinder schon gar nicht. Sie sind sich einig, die entscheidende Fragen – trotz des Zustandes der Kinder – heute noch zu stellen. Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan rücken beiläufig dicht zu den Kindern. Senken die Köpfe, so als wolle man ein Geheimnis besprechen. Unbewusst tun es Ihnen die Kinder gleich.
Fast flüsternd fragt Ma’am Papillio direkt: „Hat Euer großer Freund Tommy mit Euch komische Dinge gemacht?“
Ma’am Tolisan ergänzt freundlich: „Solche Sachen, die man eigentlich nicht tut.“ Sie reckt die Arme, spielt Müdigkeit vor, gähnt künstlich und ergänzt: „Solche privaten Dinge eben.“
Ma’am Papillio hakt dort ein: „Hat Tommy an Eure privaten Bereiche gefasst?“
Die Kinder schütteln heftig die Köpfe, schweigen erschrocken oder schauen betreten zu Boden.
Aboy ist der erste der redet: „Nein“, faucht er aggressiv. Seine vier Freunde schweigen, peinlich berührt. Ma’am Tolisan spricht mütterlich, vertrauensvoll: „Der Tommy…. der hat doch so ’ne klasse Fotokamera. Die sieht jedenfalls teuer aus?“
Ma’am Papillio fällt Ma’am Tolisan ins Wort: „Hat der Tommy Euch fotografiert?“
Ma’am Tolisan wird lauter: „Ohne Sachen….. nackt…. fotografiert?“
„Nein… Nein….Nein“, kommt es jetzt von den Jungs.
Aboy ist ehrlich empört, springt auf und heult fast: „Tommy ist ein guter Mann! Warum soll der sowas tun?“ Der kleine Dan schluchzt ein wenig, weint aber nicht.
Sam ist ebenfalls verärgert, sagt aber nur trotzig: „Nein, nein, nein“, und schüttelt ununterbrochen den Kopf.
Phil hält sich, mit erschrockenem Gesichtsausdruck die Hand vor dem Mund. „Als hüte er ein Geheimnis“, deutet Ma’am Papillio die Geste. Phil schweigt.
Jan und Sam – die beiden Ältesten – rückten zeitgleich erschrocken, mit den Plastikstühlen ein paar Zentimeter aus dem Zentrum. Halten sich kurz die Hände vor die Gesichter. Jans Gesichtsfarbe wechselt vom blassen braun nach rot und wieder zurück. Die Körper starr, sie schwitzen, machen dicht und werden nichts mehr zur Unterhaltung beitragen. Ma’am Papillio und Tolisan erkennen sofort die ausdrucksstarke Abwehrhaltung.
Auch Phil, Aboy und Dan machen – jeder auf seine Weise – dicht.
Aboy trommelt trotzig mit den Fingern auf die Lehne des Plastikstuhl.
Dan und Phil befinden sich zurückgezogen im Schneckenhaus. Die Blicke zum Betonboden gerichtet. Sam löst die Starre und lässt nervös das rechte Knie auf und ab sausen. Jan fixiert mit starren Blick einen imaginären Punkt an der Wand hinterm Computer. Einem Eisblock gleich.

Ma’am Tolisan versucht es – ungeschickt und plump – nochmal: „Habt keine Angst Jungs. Ihr könnt uns ruhig alles sagen. Wir sind doch auf Eurer Seite. Vertraut uns.“

Die Jungs schweigen beharrlich.

Resigniert erkennt Ma’am Papillio, nicht an die Jungs heran zu kommen. Es ist ihnen nicht gelungen, die Brücke zu bauen.
‚Morgen‘, denkt Papillio, ‚Morgen werden sie ihre Geheimnisse preis geben.‘
Ma’am Papillio gibt das Zeichen Schluß zu machen: „Oh je!“, ruft sie gespielt erstaunt, während sie auf die knallbunte Mickey Maus Uhr an ihrem Handgelenk schaut, „Schon so spät? Zeit schlafen zu gehen!“, klatscht zweimal in die Hände und flüstert Ma’am Tolisan etwas ins Ohr.

Die Kinder schweigen und vermeiden direkten Augenkontakt untereinander und zu den Polizistinnen.

Ma’am Tolisan faltet behutsam das gelbe Papier mit Notizen und schiebt es unter die Computertastatur, erhebt sich und verlässt die Kammer.

Ma’am Papillio öffnet ein Fläschchen ‚Efficascent Oil‘, gibt jeweils einen Tropfen auf die Zeigefinger und reibt sich jetzt die Schläfen. Sofort duftet der kleine Raum angenehm nach den ätherischen Ölen.
„Möchte jemand eine Erfrischung?“, fragt sie in die Runde und stellt verwundert fest, wie schön die jungen Kerle doch sind.
Ma’am Papillio fragt traurig: „Der Tommy ist nett? Der mag Euch. Stimmt doch, oder? Das ist Euer großer Freund und bester Kumpel. Sollte da irgendwas zwischen Euch und Tommy gewesen sein, sagt es. Mir ist bewusst, daß das für Euch peinlich sein kann. Ihr wisst vielleicht schon, daß Erwachsene Dinge tun, die Kinder nicht tun. Und alle von Euch kennen bestimmt einen Gay also Bayot… also Männer die mit Männer zusammen leben und nicht mit Frauen.“
Die Jungs nicken kaum sichtbar.
Aboy lacht: „Der Cousin von Sam ist so Einer!“
Sam kontert sofort: „Na und. Und was ist mit Boboy? Dein Onkel? Heh?“
Sam möchte nun doch einen Tropfen vom grünen Efficascent Oil und reibt es sich stöhnend in den Nacken: „Das tut gut!“

Die Jungs tauen auf.
‚Jetzt kriege ich sie‘, stellt Ma’am Papillio erfreut gedanklich fest.
Sie formuliert gerade im Gedanken die alles entscheidende Frage: „Hat Tommy Euch angefasst?“ Sie will jetzt verdammt nochmal Klarheit, noch diese Nacht. Nervös holt sie tief Luft, setzt gerade an, da knallt die Tür auf, so dass die Glasscheibe scheppert.

Die Frontfrau steht im Türrahmen: „Ma’am Papillio“, keucht sie atemlos, „Sie wünschen mich zu sprechen? Haben die Jungs etwas erzählt?“

Ma’am Papillio ist erst erschrocken, dann perplex und jetzt verärgert: „Shit!“, zischt sie.

Sie Frontfrau schaut verdutzt: „Pardon, Ma’am?“

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