1.03. Police Station Central

Die ’Police Station Number 1’ – oder auch ’Police Station Central’ genannt – ist eine Puppenstube. Das Innere des Gebäudes, Türen, Fenster, Treppen, der Flur, die Räume, alles erscheint klein, winzig, schmal, eng, gedrängt und niedrig.
Ohne Vorwarnung machst du – beim Betreten des Büros – unangenehme Bekanntschaft mit dem Türquerbalken: „Autsch!“
„Please be careful“, warnt Ma’am Papillio erschrocken, aber zu spät. Es war keine heftige Kollision. Reiben der Stirn ist – wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände – nicht möglich. Um den Schmerz zu vertreiben, schüttelst du heftig den Kopf.

„Setzen Sie sich dorthin“, weist dich Ma’am Papillio freundlich aber bestimmend an. Der Dicke und sein Statussymbol – die chromblitzende Fünfundvierziger – sind glücklicherweise, nicht zu sehen. Ein junger Polizist nimmt dir die Handschellen ab. Verspätet reibst du dir die leicht schmerzende Stelle an der Stirn. Der linke Handrücken brennt und blutet ein wenig. Das rechte Handgelenk ist nur gerötet. Die Handschellen taten ihr Werk. Die untersetzte Polizistin – sie schoss im Hotelzimmer unzählige Fotos – kramt, in einer unaufgeräumten, halb leeren Erste Hilfe Kiste herum. Beträufelt einen Wattebausch mit dunkler Jodtinktur und reicht dir den Bausch mit den Worten: „Drücken Sie das auf die Wunde. So etwas infiziert sich leicht. Ich schaue mir das gleich an und versorge das.“
„Nicht nötig“, deine brummig-grimmige Reaktion.
Die Untersetzte baut sich vor dir auf, mustert deine Stirn und bemerkt beiläufig und scherzhaft: „Na, mit dem Kopf scheint alles ok zu sein.“
Dann nimmt sie ungefragt deine linke Hand. Du hebst kurz den Wattebausch. Sie sagt nur: „Nur ein kleiner Ritz. Trotzdem vorsichtig sein. Ich klebe später ein Pflaster drauf.“
Du spürst nicht das geringste Zwicken.
‚Adrenalin oder der Schock oder Beides?‘, denkst du. Deine Hände zittern leicht. Immer noch Wirrwarr im Kopf. Es fällt dir schwer, klare Gedanken zu fassen.
Du liest dennoch das schwarze Namensschild der untersetzten Polizistin ’Tolisan’.
„Danke sehr Ma’am Tolisan.“ Ihre Antwort, ist ein gezwungenes Lächeln.

Die Bürotür fliegt wild auf. Das nervige Kamerateam stürmt ungefragt in das Büro. Das Pudelfellmikrofon ist sofort unter deiner Nase. Der Spot wird unvermittelt angeschaltet und blendet dich sogleich. Der abgerissene Typ mit dem Mikrofon, schüttet ein Schwall von Fragen über dich aus. Du verstehst keine einzige. Nur Fetzen: „Ur Nationality? Hometown boys? Why sleeping in Hotel? Age boys? Why here?“ Du schiebst genervt das stinkende Mikrofon beiseite. Was du jetzt gerade absolut nicht gebrauchen kannst, sind diese penetranten, ätzenden Typen. Schützend hältst du dir die Hände vor das Gesicht. Der vom Jod braune Wattebausch klatscht vor dir auf den Boden. Blut und Jod laufen am Arm herab und dramatisieren die Verletzung erheblich. Die Kamera zoomt das in die Totale. Perfekte Bilder für die News. Ma’am Papillio wirft die Medientypen kurzerhand mit einem resoluten „Enough, enough (genug, genug)“, hinaus.
Sekunden später entwickelt sich im Flur vor dem Büro eine lautstarke Diskussion.
Eine junge Männerstimme ruft empört: „Lassen Sie die Kinder in Ruhe! Keine Interviews! Lassen Sie uns durch!“
Die Stimme der dicken Frontfrau aus dem Hotel hingegen ruft: „Ist schon OK. Lassen Sie die doch Fragen stellen!“
Die Männerstimme protestiert lautstark: „Nein, versperren Sie uns nicht den Weg. Das sind doch noch Kinder! Weg da jetzt, verschwindet Ihr….“
Einige Kinder heulen.
Du hörst den Typ mit dem Mikrofon brüllen: „Hey… Finger weg von der Kamera.“
Die Frontfrau brüllt: „Ist doch OK….OK, Okay!“
Ma’am Papillio und Ma’am Tolisan stürzen aus der schmalen, niedrigen Bürotür. Augenblicklich ist der Tumult im Flur beendet. Nun sitzen die fünf Jungs so wie du auf abgewetzten, ehemals weißen Plastikstühlen. Die knarzen bei der kleinsten Bewegung schrecklich.

Die Kinder sind in einem Zustand der bemitleidenswert ist. Sie sind übernächtigt, haben kleine gerötete Augen und zerzaustes Haar. Aboy und Sam tragen ihre T-Shirts auf links. Die Innenseite ist außen. Die normalerweise gesunde, braune Gesichtsfarbe der Jungs, ist nun aschfahl. Sam und Dan weinen leise. Dan lehnt am großen Bruder Jan und schluchzt ab und an. Seine schmalen Schultern beben dann. Jan legte brüderlich und tröstend seinen Arm um die Schulter des kleinen Bruders. Die Kinder verstehen die Situation nicht und stehen sichtlich unter Schock. Phil und Jan wirken apathisch-abwesend. Schlafen scheinbar mit offenen, glasigen braunen Augen. Aboy sitzt trotzig nach vorne gebeugt. Die Ellenbogen auf den Knien gestützt. Die runden Wangen in den Händen. Seine Finger berühren die Ohren. Ab und zu formt er Blasen mit Spucke, lässt die Blasen zerplatzen und wischt dann mit den knallgelben Islander-Slippers die Spucke, auf dem polierten Betonfußboden breit. Plötzlich dreht er sich zu dir und fragt in gebrochenem Englisch: „Tommy what is going on?“
Du antwortest auch in Englisch, denn in Visayan wäre dir der Wortlaut der Antwort nicht klar: „I do not know. Maybe a misunderstanding….“
„The police beat you? Your hand?“, entgegnet Phil ebenfalls in gebrochen Englisch und sagt das nochmal in Visayan, „Imo kamot? Sumbag?“, und macht Boxergesten.
„The handcuffs, no problem. It’s small“, deine hastige Antwort.
Aboy will wissen: „Tommy… why da arrested us?“
Du antwortest flüsternd: „I really do not know Aboy!“, und schüttelst hektisch den Kopf.

Ma’am Papillio und die Frontfrau, sie verharrt im Türrahmen und ihre Funktion ist dir weiterhin unklar, wechseln kurz besorgte Blicke. Sie bemerken eure Unterhaltung. Papillio hebt den Zeigefinger an die Lippen: „Please do not talk. Be quite.“ Das sagt sie anschließend auch zu den Kindern, in deren Sprache ’Visayan.’
Ma’am Papillio weist Ma’am Tolisan kurz an, den weinenden Kindern Taschentücher zu reichen und dem Polizisten, der mit den Kindern eintraf, Mineralwasser zu besorgen. Tolisan reicht Papiertücher, die sie von einer Rolle abreißt. Auch sie redet kurz beruhigend – in Visayan – mit den Kindern. Sagt ihnen es sei alles in Ordnung. Sie mögen sich beruhigen und die Nasen putzen. Der junge Polizist ist schnell zurück. Reicht jedem eine kleine, kühle Flasche Mineralwasser und kramt aus der Hosentasche Zitronenbonbons. Auch dir reicht der nette, freundlich lächelnde Polizist ein Wasser und ein Bonbon. Du nimmst dankend an. Beim Anblick des Wassers, wird dir dein trockener Rachen bewusst. Fasst in einem Zug leerst du die Flasche. Auch die Jungs sind durstig. Die übergewichtige Frontfrau tippelt nervös und ungeduldig im Türrahmen, von einem Bein auf das andere. Sie vermeidet direkten Blickkontakt mit dir.

Im hinteren Teil des Raumes, gegenüber der Eingangstür des Büros befinden sich zwei schmale Kammern. In der linken Kammer, erkennst du ein grünes Feldbett mit zurück geschlagener Decke und zerknülltem Kopfkissen. In der rechten Kammer, startet Ma’am Papillio einen Computer. Der Desktop-Computer und sämtliches Equipment, befindet sich auf einem ehemals weißen, turmartigen Computertisch aus Stahlrohrrahmen. Der Tisch hat starke Gebrauchsspuren. Die Tastatur befindet sich auf einer ausziehbaren Schublade, vor der Ma’am Tolisan nun sitzt.
Ma’am Papillio ruft die Kinder in die Kammer und schließt die Holztür mit Glasfenster.

Die dir unangenehme Frontfrau, ist indessen aus dem Türrahmen des Büros, nach draußen verschwunden. Du vernimmst das einschläfernde gedämpfte müde Gemurmel der Kinder und die Fragen von Ma’am Papillio. Ma’am Tolisan, sie trägt nun eine Lesebrille auf der Knollennasenspitze, schweigt beschäftigt und tippt fleißig die Tastatur.
Manchmal, scheinbar wenn Ma’am Papillio Fragen wiederholen muß, wird es etwas lauter und du verstehst fast alles, was in der Kammer gesprochen wird. Deine Visayan-Sprachkenntnisse reichen aus.
Papillio: „Aber Du musst doch wissen wie alt Du bist?“
Aboy: „Das weiß ich ja, habe es nur gerade vergessen!“
Papillio: „Mhhh…“
Kurze Zeit später…
Papillio: „Du weißt den Geburtsnamen Deiner Mutter nicht?“
Phil: „Nein…aber es ist der gleiche Name, wie meine Oma hat.“
Wieder eine Weile später wird Jan laut: „Wir wohnen alle im Dorf und sind alle Nachbarn.“
Papillio: „Wie heißt die Barangay?“
Jan: „Na Dorf. Dorf am Meer“
„Laog!“, ruft Sam vorlaut.
„Tahag!“, kontert Jan.
„Das ist die Grenze zu Laog“, erwidert Sam ernst und ergänzt: „Wir alle wohnen im Dorfteil Laog.“
Nur kurze Zeit später ist Sam selbst in der Pedullie.
Papillio: „Also, wie viele Geschwister hast Du nun?“ Du beobachtest, wie Sam schweigend mit erhobener Hand mit den Fingern zählt und hörst das Ergebnis: „Acht…. nein Neun, aber eine Schwester kenne ich gar nicht“, ergänzt er traurig,
„…..die ist nämlich als Baby gestorben“,
unvermittelt heult er los: „Ich will nach Hause!“ Er schluchzt laut. Ma’am Papillio reicht ihm ein Papiertuch, redet beruhigend auf Sam ein. Kann ihn schnell beruhigen. Das Aufnehmen der Daten der Kinder ist eine zähe Angelegenheit und du bemerkst, wie Papillio und Tolisan um Geduld bemüht sind. Die Konzentration der Kinder lässt schnell nach. Es ist auch schon fast Null Uhr.

Unterdessen ist es der junge Polizist, der deine Wunde versorgt. Der verteitigte auch die Jungs im Flur, gegen die ätzenden Medientypen. Er stellt sich freundlich mit Police Officer 1 Sarang vor, „Nennen Sie mich einfach ’PO1 Sarang’“, lacht er. Fachmännisch reinigt PO1 mit Alkohol, der nach Friseur duftet (70% Solution, verrät das Etikett) und einem Wattebausch, den Ritz am linken Handrücken. Gekonnt klebt er ein Pflaster drauf. Unterdessen fragt er nach deinem Namen und wundert sich belustigt, da du keinen Mittelnamen oder zweiten Vornamen vorweisen kannst. Er fragte nach deiner Nationalität, deinem Alter, Familienstand, Beruf und unter welcher Visum-Bestimmung du in das Land eingereist seiest und ob das Visum gültig sei? Auch fragt er, ob du irgend welche Medikamente benötigst oder sonstige Leiden hast, die ständiger ärztlicher Kontrolle bedarf. Dann stellt er auch die gleiche Frage, welche Ma’am Papillio im Hotelzimmer schon stellte. Ob du in irgend einer Weise mit den Jungs verwandt seiest, oder ob du ein Priester, Lehrer oder Trainer der Jungs wärst? Sarangs Gesichtsausdruck zeigt einen Hauch von Traurigkeit, als du diese Frage verneinen musst. PO1 Sarang machte sich, während der Unterhaltung auf gelben Papier Notizen, reisst das Blatt nun vom Block ab und reicht es Ma’am Papillio in die Kammer. Sarang gibt dir noch eine Flasche Wasser, nachdem er die leere Flasche neben deinem Stuhl entdeckte.
„Warum hat man mich fest genommen?“, in deiner Stimme klingt deutlich aber unbeabsichtigt, dein Frust und Ärger mit.
„Ma’am Papillio und Sir Villanova werden mit Ihnen reden Sir. Bitte haben Sie noch etwas Geduld.“

Die Aufnahme der Daten der Kinder, verläuft weiterhin zäh.

Langsam nimmst du deine Umwelt wahr. Eine der zwei trüben Neonröhren flackert nervös. Die Kabel zu den Röhren mehrmals geflickt und notdürftig mit Isolierband verklebt. Die Kabelstücke haben unterschiedliche Farben. Sarang sitzt vor einem Laptop mit bunten Aufkleber, auf der Rückseite des Screens. Die Wände des Raumes in einem hellen Grün. Im unteren Bereich der Wände zeichnen sich umlaufend Wasserränder ab. Sicherlich Hinterlassenschaften von Überschwemmungen. Dort und da blättert der Putz oder die Farbe ab. Nun riechst du auch den leicht-süsslichen Modergeruch, in der immer feuchten Luft. Es riecht nach schimmligen Papier. Links und rechts neben der – viel zu massiven – Bürotür kleine Fenster. Verdeckt sind die Fenster durch Gardinen, die eher in Kinderzimmer passen. Die rechte Gardinen ist hellblau mit typischen Jungenmotiven: Rakete, Flugzeuge (Doppeldecker und dicke Passagierflugzeuge), Ufos, Planeten, Kometen, Sonne, Mond und Sterne und ein Astronaut der im Space schwebt. Das Ganze im Comic-Stil. Die linke Gardine ist rosafarben mit Mädchenmotiven: Barbie ähnliche Puppen, weiße Einhörner, Pferde, Sonne, Mond und Sterne, Wölkchen, Regenbogen, Lollipops und Bonbons. Auch hier alles knallbunt und im Comic-Stil.
‚Die massive Tür, die winzigen Fenster. Das muss mal die Eingangstür zum Haus gewesen sein‘, kommt es dir in den Sinn.

Du sitzt fast in der Ecke zu den Kammern. An der Wand hinter dir, diverse Poster. Das größte Poster symbolisiert die verschiedenen Arten von Menschenhandel in verschiedenen Szenen. Ebenfalls im Comic-Stil. ’Human Trafficking’, die Überschrift. Ein rattengesichtiger, feist drein blickender, fetter unrasierter Typ mit öligen, in Strähnen zurück gekämmte Haaren. Der zerknitterte Anzug, abgerissen und zu klein. Er gibt einem sehr jungen, zerlumpten, dürren, naiv blickenden Ehepaar ein Bündel Geldscheine, im Austausch für ein in Lumpen gewickeltes Baby. Dann zwei Jugendliche – Mädchen und Junge – in verschiedenen Situation. Halbnackt als Fotomodelle. Das Mädchen beim Table-Dance. Der Junge mit Helm und Gewehr. Beide schuftend in einer Werkhalle, auf dem Feld, im Haushalt. Internet-Adresse, E-Mail, Notfall-Nummern und Daten des Herausgebers unter den Bildern. Ein weiteres Poster klärt auf, was im Falle von ’VAWC’ zu tun ist. Unter der Überschrift erklärt ’Violation Against Women (and) Children’. Das Poster zielt auf häusliche Gewalt ab. Es zeigt in einem Flussdiagramm, die verschiedenen Eskalation- bzw. Schlichtungsstufen bis zur gerichtlichen Anzeige. Auch hier Informationen über Internetseiten, E-Mail Adressen, Notfall-Nummern und Herausgeber.
Das studieren der Poster lenkt ab und beruhigt dich zugleich. Das Zittern der Hände lässt nach. Das Zwicken der Wunde hingegen nimmt zu. Ebenso wie die Müdigkeit.
‚Missverständnis, Misunderstanding‘, kommt es dir in den Sinn, wird ständig vom Gehirn wiederholt und dabei kontinuierlich im Kopf immer lauter.

„Misunderstanding“, sprichst du ungewollt leise aus. PO1 Sarang und der andere Polizist, schauen kurz auf.
„Pardon?“, fragt Sarang.
„Ah… sorry. Nothing, Sir. This is an Misunderstanding!“
„Sir Heger“, antwortet ruhig Sarang, „Ma’am Papillio oder Sir Villanova werden sicherlich gleich mit Ihnen reden. Ein wenig Geduld noch!“

Auf Villanova und sein chromblitzendes Statussymbol, kannst du gerne verzichten.

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