1.02. Verhaftet! [OFFEN]

Die kurze Konversation an der Glastür des Cottages ist dann auch sofort beendet. Da gibt es also noch jemand neben mir, der diese nächtliche Unterhaltung unter gleißendem Kameralicht, zwischen einer Hyperventilierenden und einem spärlich bekleideten und schockierten Deutschen vollkommen überflüssig findet. Die wenigen Worte sind ihm wohl zu viel. Er verliert in dem Moment die Nerven, klatscht seine schweißnasse Hand an die Glastür, drückt die nach innen auf, die Frau mit nervöser Atmung beiseite, mich in den Raum und an die Wand. Nun presst er die linke Hand auf meine Brust und hält mich so auf Abstand. In seiner rechten Hand glänzt und funkelt im Licht der Kamera und der vielen Taschenlampen eine hochglanzpolierte verchromte Automatik. Ich habe wirklich nur sehr wenig Ahnung von Schusswaffen, aber der Größe nach könnte es eine Kaliber .45 sein. Der direkte Blick in die Mündung der Waffe schockiert und macht Todesangst. Ich bin zur Salzsäule erstarrt. An mir regt sich nichts mehr. Absolut gar nichts!

Unzählige Leute drängen in den Raum und die kleine Frau die geklopft hat, den Typ mit der glänzenden Automatik, eine junge Polizistin und mich dicht an die Wand des Zimmers. Das ist die Wand gegenüber den drei Betten. Hier befinden sich hoteltypische Dinge, wie ein Schreibtisch, eine flache Anrichte mit Samsung TV und der Kühlschrank. Plötzlich reißt mich der Polizist mit der Waffe herum, dreht mich mit dem Gesicht zur Wand, biegt professionell die Arme hinter meinen Rücken und ich spüre wenige Sekunden später das kalte Metall an den Handgelenken. Das sind wahrlich keine angenehmen Geräusche, wenn die Sperrklinken über die Rasten der Handschellen rutschen. Und sie rutschen verdammt schmerzhaft bis an die Anschläge.

‚Widerstand zwecklos‘, kapituliere ich still im Gedanken und dass die nicht viel reden wollen, haben die ungebetenen Gäste ja ziemlich deutlich gemacht. Überdeutlich!

Eine wahrhaft filmreife Szene, in der ich der Hauptdarsteller bin. „Alles im Kasten?“, möchte ich dem Kamerateam zurufen, aber tue es nicht. Das sind bestimmt Typen von einem lokalen Sender. „ABC-TV“ kann ich auf dem Plastiküberzug der Kamera im Licht der Taschenlampen erahnen.

‚Die Kinder!‘, erinnere ich mich besorgt.

Die Kinder aber bekommen vom Chaos im Raum nichts mit. Sie schlafen tief und fest den Schlaf der Gerechten. Wie Kinder eben schlafen. Da könnte ein Vulkan ausbrechen oder eine chromblitzende Automatik abgefeuert werden, so schnell wachen die nicht auf.

Es ist auch kein Wunder, dass die fünf Jungen so fest schlafen, nach den vielen Unternehmungen des Tages: Eine über vierstündige, anstrengende Busreise über schlechte Landstraßen, der Besuch der Shopping-Mall „Gaisano“, mit Gaming Zone, Pizza und Eis. Die Krönung des Tages ist für die Kinder aber eindeutig das ausgelassene Planschen, Schwimmen, Rutschen und Toben in der Poollandschaft gewesen.

Die Frau von der Tür und einige andere Frauen, möglicherweise sind es Hotelangestellte, gaffen die Kinder an. Die schlafen jedoch einfach weiter, wie ich jetzt erkenne, nur mit Unterwäsche bekleidet, weiter auf den Betten. Die Frauen halten sich dabei kollegial die Hände vor die Münder oder gestikulieren wild mit den Armen und kreischen hysterisch im Chor: „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“

Dieses vollkommen künstliche und nervtötende Kreischen macht aggressiv. Es schreit in mir: ‚Ihr blöden Weiber, was kreischt ihr hier herum? Ist es die Unterwäsche? Millionen Kinder in aller Welt schlafen so und niemand ist nackt! Es gibt also absolut keinen Grund, hier so ein widerliches Theater zu veranstalten!‘

Es ist und bleibt ein stummer Protest, denn ich bleibe still und es gibt auch gerade größere Probleme.

Nachdem die Sperrklinken links und rechts über die Rasten gerutscht sind, ist sofort die riesige chromblitzende Automatik verschwunden. Die erkennen wohl, dass ich nicht aggressiv, sondern kooperativ und ruhig bin. Aber auch die attraktive Polizistin, mit dem hochgebundenen Haar und ihrer dunkelblauen Uniform, trägt zur augenblicklichen Entspannung der Lage bei. Ihr natürliches Lächeln ist bei weitem wirkungsvoller als jede Automatik. Die Situation entspannt sich. Sie lächelt nett und glaubhaft. Ganz im Gegensatz zur kleinen Frau, mit der immer noch hektischen, aber schon etwas ruhigeren Atmung und dem Dicken, der seinen ganzen Stolz – die Automatik – zwischen Gürtel und Bierbauch in die Hose gesteckt hat. Das gefrorene Lächeln dieser beiden Personen, verzerrt deren Gesichter zu Fratzen. In ihren Augen funkelt Abscheu und Hass.

Der Raum jedoch wird immer voller.

‚Wo kommen nur all die Menschen her und was – verdammt nochmal! – ist hier so interessant?‘

Panik ergreift mich.

Ich bin immer noch in die Ecke von der Glasfront und der Wand mit TV gedrängt. Es fällt mir schwer, mich auf die Fragen der Polizistin zu konzentrieren, die nun auf mich einprasseln. Im Raum herrschen bereits tumultartige Zustände. Die Kinder jedoch schlafen den Schlaf der Gerechten.

Die junge Polizistin stellt dann auch nur einige Fragen: Was das Alter und die Herkunft der Kinder sei? Aus welchem Ort wir kommen und warum wir im Hotel übernachten? Es folgen Fragen, zu meiner Person und ob ich in irgendeiner Weise mit den Jungen verwandt, ob ich ein Priester, ein Lehrer oder Trainer einer Mannschaft sei. Verwirrt beantworte ich die merkwürdigen Fragen.

Die Medientypen sind zu zweit. Der eine hält mit der Kamera weiter hemmungslos drauf, der andere ist ein ungeduldig schubsender Kerl. Er schiebt sich frech zwischen Polizistin und mich, hält plötzlich ein Mikrofon mit einem Überzug, dass an das Fell eines Pudels erinnert, unter meine Nase und schüttet sofort einen Schwall Fragen über mich aus. Das Mikrofon riecht dann auch so, wie es aussieht, nach nassem Hund. Angewidert drehe ich mich weg. Die Polizistin scheint über die Dreistigkeit des Reporters einen Moment perplex zu sein. Der Dicke mit der Automatik verliert wieder einmal die Nerven. Er schiebt den protestierenden Medienmann beiseite, baut sich demonstrativ vor mir auf, kramt mühselig ein zerknülltes Papier aus der Hosentasche und fängt an, laut zu lesen:

„You have the right to be silent….“
(„Sie haben das Recht zu schweigen…. „)

Das rudimentäre Englisch und sein starker philippinischer Akzent lässt mich kaum etwas vom Vorgelesenem verstehen. Die zunehmende Lautstärke im Raum tut das Übrige. Nach dem Wort „Silent“ ist meine Konzentration dahin. Es interessiert mich eh mehr, was mit den Kindern geschieht. Die aber schlafen ungerührt einfach weiter. Wie Kinder eben schlafen, tief und fest.

Die Polizistin reißt mich aus meiner Gedankenwelt: „Haben Sie verstanden, Sir?“

Das Gedränge im Raum wird unerträglich. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Der Raum wird immer voller.

Erneut stellt die Polizistin ihre Frage. Ich nicke gedankenverloren, antworte dann aber ehrlich: „Nein!“

Als Reaktion schüttelt sie den Kopf und sagt kurz: „Be quiet (Schweigen Sie)!“ Wegen der Lautstärke redet sie sehr laut.

‚Nimmt denn keiner Rücksicht auf die schlafenden Kinder?‘, denke ich verbittert. ‚Be quiet!‘, hallt die Ansage der Polizistin in meinem Kopf nach. ‚Na ja, dass ihr nicht auf großartige Konversation aus seid, habt ihr ja heute Abend ziemlich deutlich gemacht.‘ Ich äußere das nicht und behalte meine wirren Gedanken für mich. Der fette Typ mit der riesigen Automatik hat heute schon einige Male die Nerven verloren!

Die Kamera rauscht nur so durch den Raum. Der gleißende Spot wirft harte Schlagschatten auf Wände, Teppichboden, Zimmerdecke, Einrichtung, unsere privaten Dinge, auf die Kinder, auf mich und die unzähligen Eindringlinge. Endlich findet jemand den Lichtschalter. Es werden immer mehr im Raum.

Das Chaos im Raum ist mittlerweile unbeschreiblich. Einige machen mit ihren Handys Fotos oder Filme von den immer noch schlafenden Jungen. Eine uniformierte Polizistin von untersetzter Gestalt nutzt dazu eine digitale Pocketkamera. Das TV-Team leuchtet indessen das Badezimmer aus.

Frauen kreisen im Schwarm – wie die Aasgeier über die Beute – um die Betten. Ständig höre ich dieses „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott“ in diesen extrem nervtötenden, spitzen Tonlagen.

Es ist eine abnorme Situation. Die fünf Jungen schlafen tief und fest in ihrer Unterwäsche, zwei sind ohne T-Shirt und werden von unzähligen Handys, Fotoapparaten und der professionellen Kamera gefilmt. Die Kinder können sich weder schützen noch wehren noch Widerspruch einlegen. Sie schlafen einfach, trotz des Chaos und der Lautstärke im Raum, weiter. Vor der Privatsphäre der Kinder zeigt keiner Respekt.

Obwohl es in mir brüllt, flüstere ich meine Worte: „Seid Ihr verrückt? Hört endlich auf Fotos zu schießen. Lasst doch die Kinder in Ruhe! Die schlafen doch! Was – verdammt nochmal! – wollen Sie und was soll das Ganze hier?“

„Be quiet!“, befiehlt die Polizistin streng.

Der Kameramann hält ungehemmt und ungeniert weiter drauf. Die Kinder und den (vermeintlichen) Täter in der Totalen. Mein verzerrtes Gesicht wird bildfüllend gezoomt. So – genau so! – liebt man das in den TV-News. Action-TV pur, Rettungsaktion, Chaos und Geschrei im Hotelraum, Ausländer, Polizei und kleine philippinische Kinder. Und für den TV-Sender ist alles exklusiv, denn es ist kein weiteres TV-Team oder Reporter weit und breit auszumachen.

Mir wird klar, dass hier eine krasse Story produziert wird: „Ausländer mit halbnackten Knaben im Hotelzimmer!“

Schlagartig wird mir die Sensation bewusst. Und das ist ein harter Schlag in die Magengrube! Storys wie diese sind absolute Knaller!

Übelkeit steigt auf und mir wird augenblicklich heiß. Ich schwitze und beginne mit trockener Kehle die Situation zu erklären. Der Reporter hält sofort das stinkende Ding unter meine Nase. Die Polizistin mustert mich erneut scharf und erinnert mich so an ihre Worte: „Be quiet!“ Wieder drehe ich mich vor dem Mikrofon weg. Ich schweige und bleibe still. Außer den Medienleuten wird mir doch keiner zuhören. Ich brenne darauf, mich endlich zu verteidigen und die Dinge zu erklären. Wir könnten die Angelegenheit doch sofort aus der Welt schaffen! Aber andererseits, heißt es nicht so schön: „Alles was sie jetzt sagen, kann später gegen sie verwendet werden!“ Wie oft habe ich diesen Psalm in Krimis gehört. ‚Hat der Dicke nicht so etwas in der Art genuschelt?‘

Es rumort in mir und mich quälen Fragen: ‚Was – verdammt! – ist das Problem? Glauben die etwa, ich sei ein Sexgangster?‘ Die Frage stelle ich dann auch: „Wo ist das Problem?“

Wieder redet nur die Polizistin: „Wir reden darüber in der Polizeistation. Be quiet!“

Auf ihr Zeichen öffnet ein junger Polizist eine Handschelle. Der Dicke demonstriert – mit der Hand auf der Automatik – seine angespannte Alarmbereitschaft und würde mich sicherlich bei der kleinsten falschen Bewegung sofort umlegen. Daran habe ich keinen Zweifel, gar keinen! Jede meiner Bewegungen wird genau observiert. Ein junger Polizist durchsucht meine kurze Hose, schaut in mein Portemonnaie, steckt das zurück in die Hosentasche und übergibt die Hose, an die untersetzte Polizistin, die fleißig Fotos gemacht hat. Ohne Worte aber grinsend, hält sie mir die Hose und meine Sandalen vor das Gesicht. Schweigend kleide ich mich an.

Der junge Polizist macht seine Kolleginnen auf die roten Druckstellen an meinen Handgelenken aufmerksam. Das habe ich nicht bemerkt. Weder Brennen noch Schmerz. Ich denke, das ist das Adrenalin. Nun sitzen die Handschellen etwas lockerer.

Das Chaos im Raum hält unerbittlich an. Die Kinder jedoch schlafen weiter tief und fest.

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